„We drive on what is left of the street…“

Einigkeit in Vielfalt

Ich möchte diesen Beitrag gern mit einem Zitat von Rajesh Golani beginnen, der den indischen Straßenverkehr wie folgt beschrieben hat:

„The indian traffic shows unity in diversity“

Was er damit meinte wird bereits nach wenigen Minuten der aktiven Verkehrsteilnahme klar. Einigikeit in Vielfältigkeit trifft es wirklich gut. Hier in Indien darf jeder am Straßenverkehr teilnehmen und wird mehr oder weniger gleich behandelt. Jedes Leben ist wertvoll und egal wie rasant und/oder chaotisch gefahren wird, auf den Straßenhund wird genauso Rücksicht genommen wie auf den Rikshawfahrer mit Handkurbel oder der Dame im SUV. Das Bild der Verkehrsteilnehmer hier ist sehr bunt. Selbst auf dem Highway sieht man Fußgänger, Fahrradfahrer, Ochsenkarren, Hunde, Kühe, Ziegen, Busse, Autos, TukTuks, Lkws und Falschfahrer (jede Menge) = diversity in unity.

(Leider habe ich kein Foto auf dem die gesamte Vielfalt vereint ist, aber ehrlich Leute bei dem Verkehr auch noch fotografieren, während man am Steuer sitzt geht echt nicht)

Regeln? Hahaha

Wer 4 Tage in Indien Auto fährt lernt Ruhe zu bewahren und rücksichtslos zu fahren. Der indische Straßenverkehr macht uns alle zu Gesetzlosen, anfangs erschreckend, macht es nach einer Weile richtig Spaß. Denn ähnlich wie in Süditalien gilt auch hier Devise: Wenn du dich anpasst, passiert dir am wenigstens.

Es ist laut, chaotisch und bunt auf den Straßen, wobei laut definitiv überwiegt – wobei die Laster auch sehr kunstvoll bemalt sind. Also stellen wir mal bunt&laut auf eine Stufe.

Also wie gesagt, sobald man sich den lokalen Gegebenheiten und nicht mehr der Straßenverkehrsordnung anpasst (die Briten haben sowas ja mal eingeführt) macht es richtig Freude.

„Indians do not drive left of the street, but on what is left of the street“

Im indischen Straßenverkehr ist allem Anschein nach alles erlaubt:

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Nicht nur junge Leute reisen so, häufig sieht man ganze Familien auf einem Roller oder Motorrad
  1. Beim Fahren telefonieren = kein Problem
  2. Lässig neben einem anderen Fahrzeug herfahren und sich durchs offene Fenster hindurch unterhalten = kein Problem
  3. 10 Personen (1 Fahrer + 9 Passagiere – hier wäre in Deutschland zumindest mal ein Personenbeförderungsschein fällig) in einem für 4 Personen (1 Fahrer + 3 Passagiere) ausgelegten TukTuk = kein Problem
  4. 4 Personen auf einem Roller/Motorrad = kein Problem
  5. Gegen die Verkehrsrichtung fahren aka Geisterfahrer = kein Problem (auch auf dem Highway nicht)
  6. Links, Rechts oder in der Mitte überholen = kein Problem – man fährt halt da wo Platz ist
  7. Mit offener bzw. nicht vorhandener Motorabdeckung fahren = kein Problem
  8. Ohne Fahrerkabine fahren = kein Problem
  9. Die Ladung links, rechts und gegebenenfalls auch hinten 2m überstehen lassen = kein Problem

Einzig die Frage, ob man nackt fahren darf steht für mich derzeit noch im Raum. In Deutschland ist das ja prinzipiell erlaubt. Da der Innenraum des eigenen Fahrzeugs rein rechtlich unter den Schutz der Privatsphäre fällt. Zu der Erregung öffentlichen Ärgernisses käme es erst dann, wenn man sein Auto auch nackt verlässt.

Nichtsdestotrotz werde ich das hier in Indien wohl nicht ausprobieren, denn je weiter wir in den Norden kommen desto kälter wird es hier.

„Ich bin ruhig! Ich muss mich nicht beruhigen!!!“ – Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung

Wirklich fies sind übrigens die Speedbumbs /Beschleunigungshubbel, die werden nämlich im sonst so buntem Indien weder durch farbige Markierungen am Boden noch durch Schilder angezeigt. Das lässt in vielen Fällen nur zwei Handlungsalternativen zu: Vollbremsung oder mit voller Geschwindigkeit drüber fliegen. Ersteres ist schlecht für die Bremsen und letzteres schlecht fürs Fahrgestell. Fahrer, Beifahrer und Gepäck werden in jedem Fall ordentlich geschüttelt.

Eine weitere Besonderheit auf den hiesigen Straßen zeigt sich in einer gewissen Affinität der Inder zum Slalom. In jeder Stadt und jedem größerem Dorf gibt es mindestens eine Straßenverengung. Hierbei werden etwa 2,50 m lange Warnbarken leicht versetzt links und rechts auf der Straße postiert und sorgen dafür das eine sonst theoretisch zweispurige Straße, auf der die Autos aber tatsächlich drei- oder vierspurig fahren, plötzlich nur noch einspurig zu befahren ist.

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…war ja klar das ich dann ein Foto mache wenn nix auf der Straße los ist =)

 

Ich muss allerdings zugeben, dass die Verengungen ihren Zweck erfüllen und aktiv zu einer Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit führen, wobei ich nicht genau sagen kann, ob die Nebeneffekte (lautes Gehuppe und punktuell erhöhte Schadstoffbelastung durch Stagnieren des Verkehrs) ebenso gewollt sind.

Frauen am Steuer

Weibliche Verkehrsteilnehmer, die etwas anderes als einen Roller fahren sind in Indien eine echte Seltenheit, zumindest habe ich noch nicht viele Gefährtinnen im Straßenverkehr getroffen. Umso mehr falle ich selbst natürlich als Frau am Steuer auf.

Als Beifahrer sieht man natürlich zahlreiche Frauen auf den Straßen, besonders schön finde ich die Variante im Damensitz auf dem Motorrad/Roller sitzend. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat ist es überraschend bequem.

Roller im Damensitz

Viele Menschen, viele Fahrzeuge viele Unfälle?

Unfälle sieht man spannenderweise kaum. Zwar verkeilen sich öfter mal Autos oder Busse ineinander, aber dann wird meistens langsam weitere gefahren und die ein oder andere Schramme in Kauf genommen.

Meinen ersten Beinahe-Unfall hatte ich ausgerechnet mit der Polizei. Bereits kurz nachdem wir in Chennai auf den Highway gefahren sind, wurden wir rechts von einer Polizeistreife überholt. Im Linksverkehr absolut legitim, wobei hier in Indien sowie so jeder da überholt wo Platz ist.
Aber egal. Wir wurden also von der Polizei überholt. Mitten im Überholmanöver haben die beiden Beamten wohl realisiert das sie da gerade eine Frau im TukTuk überholen und waren davon so erstaunt, verwirrt, überwältig, geflasht oder auch schockiert, dass sie vor lauter zu mir rüber Starren, das Lenken vergessen haben und auf den Mittelstreifen abgedriftet sind. Blöd nur das der Mittelstreifen auf dem Highway ein etwa 20 cm hoher und 1,50 m breiter Bordstein ist. Die Geräusche des auf dem Bordstein entlang schrappenden Fahrgestells waren echt fies. Immerhin gab es an dieser Stelle keine Mittelleitplanke, die sind nämlich in der Regel aus massivem Beton. Ich konnte mir bei der ganzen Aktion nur schwer das Lachen verkneifen und auch die Polizisten nahmen die Sache mit Humor, denn als sie kurz darauf erneut an mir vorbeifuhren gab es thumps up und begeisterte Zurufe.

Spezielle Hupen für spezielle Fahrzeugklassen?

Wie ich bereits sagte ich der indische Straßenverkehr sehr laut, fast schon ohrenbetäubend. Das liegt zu einem daran, dass man zum Beispiel jedes Mal hupen soll, wenn man einen LKW überholt. Die meisten der riesigen Laster haben dies sogar ausdrücklich auf ihre Heckklappe geschrieben.

„Please sound HORN Please“

Also wird eifrig gehuppt. Besonders hohe Dezibelzahlen erreichen die Hupen und Hörner der Lastkraftwagen selbst, dicht gefolgt von Bussen. Glückerlicherweise gibt es für diese Klasse von Fahrzeugen extra Hupen mit einer unverwechselbaren Lautabfolge. Wenn diese ertönen empfiehlt es sich am besten sofort die Straße freizumachen. Lastwagen und Busse sind die uneingeschränkten Herrscher auf den indischen Straßen und machen selbst im Gegenverkehr und bei ihrerseits gewagten Überholmanöver keinen Milimenter mehr Platz als erforderlich. Wenn man nicht bereits nach dem Bruchteil einer Sekunde für Platz auf der eigenen Spur sorgt, wird es richtig laut. Dann folgt ein wahres Konzert von wutgepeitschtem Gehuppe und selbst Ohropax helfen da nicht mehr.

Einige Motorradfahrer haben sich die Überlegenheit dieser Platzhirsche zu nutze gemacht und sich selbst eine entsprechende Hupe einbauen lassen. Sehr clever wie ich sagen muss, da ich bereits selbst zweimal darauf reingefallen bin und bereitwilligen einem Motorroller Platz gemacht habe.

Tiere im Straßenvehrkehr – eine ganz eigene Art der Verkehrsregulierung

Wirklich Achtung haben Busse und Co. nur vor einem einzigen anderen Verkehrsteilnehmer. Dieser legt auch in der Rushhour problemlos das gesamte Geschehen lahm. Wer sich jetzt fragt welches andere Fahrzeug eine solche Macht ausstrahlt und eventuell an Regierungskennzeichen oder ähnliches denkt ist schief gewickelt. Es handelt sich natürlich um das heiligste aller Tiere – die Kuh. Kühe gehören in Indien auch in Millionenstädten wie Chennai oder Raipur zum ganz normalen Verkehrsaufkommen dazu. Gerne liegen sie am Straßenrand im Schatten oder kreuzen belebte Straße. Besonders interessant wird es, wenn sie mitten in der Rushhour beschließen sich and die Mittelleitplanke zu kuscheln und ein Nickerchen auf dem heißem Beton zu machen. Eine Kuh darf im Straßenverkehr so gut wie alle, zumindest darf sie laufen, stehen oder liegen wo sie will und wird höchstens durch ein kurzes zärtliches Hupen gebeten doch zur Seite zu weichen.

Manchmal läuft es jedoch auch für die Kühe doof. Wie gesagt sie liegen mit einer gewissen Vorliebe an die Betonpfeiler der Mittelleitplanke gelehnt, blöd nur wenn die Betonpfeiler gerade mal wieder frisch nachgestrichen wurden, dann gibt´s Zebrakühe – aber wie heißt es so schön: „Ein Heiligtum ist durch nichts zu entstellen“ und die Kühe tragen ihren neuen Look mit Fassung.

Blinker – Ja -Nein -Vielleicht ???

Oh eine Sache noch, besonders spannend finde ich das viele der Bus und LKW-Fahrer beim Abbiegen Handzeichen geben. Im Fall der Busse lehnt bei einem Spurwechsel nach Links meist ein halber Mensch aus der geöffneten Tür und gibt auf fast schon frenetische Art und Weise Handzeichen, dabei macht den Bussen hier sowieso jeder Platz (Kühe einmal ausgenommen). Auf Lichtzeichen (Blinker) wird hier nicht allzu viel Wert gelegt, es sei denn man hat einen hübschen Aufkleber auf dem Heck kleben auf dem steht. AC/no Handsignal.

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Spätestens seit es Klimaanlagen gibt und sich ein Wissen um die Problematik der Luftverschmutzung in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat, werden Fenster und Türen beim Fahren überwiegend geschlossen gehalten und Handzeichen somit unmöglich gemacht.

Ich versuche meistens meinen Blinker zu benutzen, muss aber zugeben, dass ich auch schon des öfteren vergessen habe ihn wieder auszuschalten und den ein oder anderen Kilometer mit nach links/rechts gesetztem Blinker gefahren bin. Von daher habe ich bereits überlegt, ob es nicht Sinn machen könnte einen Aufkleber speziell für mein TukTuk zu entwerfen:

No AC/ No Handsignal – sometimes Turn Signal

Ich selbst errege natürlich auch viel Aufmerksamkeit im indischen Straßenverkehr, bisher aber tatsächlich ausschließlich auf positive Weise. Mal schauen wie es weiter geht! Ansonstens fühle ich mich schon recht indisch, seit ich ganz bewusst die ersten Meter als Falschfahrerin unterwegs war und meine Hupe im Stadtverkehr im Dauereinsatz habe.

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Autor: Froilein Lumi

Lumi - wie der finnische Schnee mit einem Gespür für verrückte Abenteuerurlaube, kulinarische Be- & Absonderheiten und einem Hang zu Reisen in die nördlichen Länder dieser Welt.

3 Kommentare zu „„We drive on what is left of the street…““

    1. Duden inspiziert gerade die gefixten Dachgepäckträger, der Rest wird morgen in Bilaspur repariert. Einige Ersatzteile waren hier nicht zu bekommen, aber die Werkstattleiterin hat uns den Kontakt zu einer Bajajwerkstatt vermittelt.

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