Stempelpapier, Tütchen Tee und Betel – ein Tag bei Gericht

Wir haben sie schon mehr als einmal bei einer Polizeikontrolle vorgezeigt und sind heilfroh solch wasserfeste (im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie sind einlaminiert) Papiere/Urkunden in der Hand zu haben, mit denen wir einwandfrei belegen können, dass wir die Fahrzeuge rechtmäßig durch die verschiedenen Staaten Indiens fahren.

Aber wie war das nochmal genau? Spulen wir circa 3 Wochen zurück.

Wir sind in Chennai und ärgern uns nach wie vor Princely und der Fertigstellung unserer TukTuks herum, als uns plötzlich auffällt, dass die Fahrzeuge zwar von uns bezahlt sind, wir aber keinerlei Nachweis darüber haben, das wir die Eigentümer sind. Nach mir die ganze Sache bereits eine schlaflose Nacht beschert hat, leiten wir am folgenden Tag alles in die Wege um dieses Problem aus der Welt zu schaffen:

Chennai 11.01.2018

Heute erreichen wir einen wichtigen Meilenstein in unserem Projekt. Wir bekommen unsere TukTuks ganz offiziell überschrieben . Ich bin ganz schön aufgeregt 😊, zumal es mir schon arge Bauchschmerzen bereitet, das Fahrzeug bereits komplett bezahlt zu haben, jedoch keinerlei Papiere oder Urkunden in den Händen zu halten.

In den letzten Tagen ist einfach zu viel schiefgelaufen, als das ich weiterhin uneingeschränktes Vertrauen in unsere Geschäftspartner hier in Chennai hätte. Traurig aber wahr. Dabei geht es nicht nur um nicht eingehalten Termine sondern, um solche Dinge wie gefälschte Versicherungspolicen. Dinge also, die uns bei der ersten Polizeikontrolle in große Schwierigkeiten bringen könnten und das gesamte Projekt gefährden.
Umso erleichterter bin ich das Norrul, der nette Vodaphoneshopmanager uns bei der Unterzeichnung der Papiere beratend zur Seite steht. Noor hat nicht nur einen Notar im Gericht für uns ausfindig gemacht (natürlich ein Freund von ihm, aber warum auch nicht. Eine Hand wäscht die andere), sondern stellt uns zudem für die gesamte Abwicklung der notariellen Beglaubigung seinen Personalassistant Karthi zur Verfügung.

Da ich noch nie in meinem Leben irgendein Dokument notariell beglaubigen musste, werde ich mich heute einfach an dudens Fersen heften und das ganze Prozedere für euch dokumentieren.

Spätestens seit der Simkartenregistrierung weiss ich das Indien in Sachen Bürokratie ähnlich kompliziert sein kann wie Deutschland.

Zunächst einmal müssen die Schriftstücke verfasst werden. Insgesamt zwei für jedes Vehikel. Einmal brauchen wir eine Art Kaufvertrag, aus dem hervorgeht, das wir die Fahrzeuge gekauft haben und berechtigt sind diese in Deutschland auf unseren Namen umzumelden. Bei dem zweiten Dokument geht es inhaltlich darum, das der aktuelle amtliche Fahrzeughalter (die Fahrzeuge können in Indien leider nicht auf unsere Namen zugelassen werden) uns gestattet die Fahrzeuge von Chennai nach Deutschland zu überführen und zwar über den Landweg, also mehrere Grenzen überschreitenden.

Klingt kompliziert?
War es im ersten Moment auch, schließlich muss das Schriftstück auf englisch verfasst sein. Dennoch wäre TukTuk to go nicht TukTuk to go, wenn wir nicht auch für dieses Problem eine Lösung fänden. Zu dritt vereinen wir eine geballte Macht an Kontakten und so wurde die Ausformlierung der Schriftstücke freundlicherweise von Smartie (Matthias Surovcik) von der Fahrtenwind gUG für uns übernommen.

Für 11:00 sind wir mit Princley verabredet um gemeinsam mit ihm und Karthi zum Notar zu fahren.

Nach einer etwa 5 minütigen Autofahrt heißt es schon wieder aussteigen. Wir sind mitten auf einer belebten Straße. Vor uns befinden sich dicht zusammengedrängt verschiedene kleine Gemichtwarenläden. So sieht es also bei einem Notar im Indien aus, denke ich mir, ziehe meine Schuhe aus und betrete das etwa 8 qm² große Einraumbüro. Der Putz blättert an einigen Stellen von der Wand und die von der Decke hängenden Elektokabel werden vom Luftzug des Ventilator sacht hin und her geschaukelt.

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Während ich noch überlege, ob in ein in Deutschland zugelassen Notar mit einem solchen Büro auch nur einen einzigen Kunden hätte, sind duden umd Karthi schon mitten in den Preisverhandlungen. 200 Rupies zahlen wir schließlich für zwei wunderschön bedruckt Bögen Stempelpapier. Der Stempel erinnert mich etwas an eine Geldnote und nimmt circa 1/3 des Blattes ein. Bevor ich die Situation richtig erfassen, geschweige denn mehr als ein Foto machen kann, drängen schon wieder alle nach draußen und ich stolper rückwärts die Treppe herunter.

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Das ging jetzt wirklich fix. Also wieder rein ins Auto und zurück zum Hostel? Ich bin verwirrt zumal von dem Stempel abgesehen nichts auf dem Papier steht.

Nach einer weiteren kurzen Autofahrt (langsam frage ich mich warum wir nicht einfach laufen) gehts in den nächsten Laden. Eingeklemmt zwischen einem Airtelshop und einem Kiosk liegt versteckt ein Kopierladen. Dieser Laden ist zwar größer als der letzte, aber aufgrund seines schlauchartigen Grundriss, können wir uns auch hier kaum bewegen. Zum Glück tragen wir keine Schuhe, so tut es zunindest nicht weh wenn wir uns gegenseitig auf die Füße treten.

Nun verstehe ich auch auch die Sache von vorhin etwas besser. Wir waren noch gar nicht beim Notar. Wir haben nur das Stempel/Urkundenpapier gekauft und können nun die ausformlierten Verträge darauf ausdrucken lassen. Gesagt, getan. Schnell stellen wir fest, dass wir hätten vier statt zwei Bögen Stempelpapier kaufen müssen. 😂

Also geht es nochmal zurück zum vermeintlichen Notar, der in Wirklichkeit mit Urkundenpapier handelt. Während Karthi sich um alles weitere kümmert, werden wir zur Untätigkeit verdammt und müssen unserer Kaste entsprechend, im Schatten sitzend warten.
Manchmal ist dieses tief verwurzelte Kastendenken, das zudem alle Weißen instantly in die höchste Kaste erhebt, etwas anstrengend. (Mehr dazu in Kürze)

Nachdem alle Schriftstücke gedruckt sind geht es ins Gerichtsgebäude der 8,5 Millioneneinwohner Metropole Chennai und glaubt mir hier fängt der Spaß erst richtig an.

Das Gericht von Chennai befindet sich im Zentrum des alten Stadtkerns und ist ein ziemlich hässliches, klotzartiges Gebäude. Die gesamte untere Etage ist ein Parkdeck, in dem allem Anschein nach ausschließlich Motorräder und Roller geparkt sind.

Beim Betreten des Gerichtsgebäudes biete sich mir ein sonderbarer Anblick. Hätte ich vorgehabt ein Häschen oder ein paar Goldfische zu kaufen, ich wäre mit nichten verwundert gewesen mich in diesem Gebäude wiederzufinden. Die Häschen die hier zum Verkauf angeboten werden tun mir besonders leid und ich würde liebsten alle auf einmal kaufen. Die Kanarienvögel, Tauben und selbst die Fische sehen ebenfalls nicht besonders glücklich aus. Aus Gründen die ich nicht genau verstehen kann befindet sich eine Tierhandlung im Gerichtsgebäude.

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Während wir die Rampen zum nächsten Stockwerk hochsteigen (immerhin ist das Gerichtsgebäude barrierefrei) entdecke ich neben der Tierhandlung noch weitere Ladenlokale, bzw. Stände die mitten in den Gängen und Fluren des Gerichtshofes aufgeschlagen wurden. Unter anderem eine Street- oder sollte ich sagen Courtyard – kitchen, eine Wäscherei, eine Näherei und ein Bügelservice. Etliche andere Ladenlokale sind heute geschlossen. Ich bin fast versucht an einem anderen Tag wiederzukommen, um zu schauen was hier sonst noch alles angeboten wird.

Nachdem wir mehrere der Rampen emporgeklommen sind wartet eine Polizeikontrolle auf uns, lässt uns aber anstandslos passieren, nachdem Karthi ihnen erklärt was wir hier bei Gericht wollen. Fotos sind in diesem Areal des Gebäudes nicht mehr erlaubt und ich bin ich kurz etwas frustriert.
Nach wenigen Minuten des Wartens wird, klar das wir in der Gerichttsbarkeit eine Rampe zu hochgeklettert sind und es geht abwärts in die „Fotos are allowed zone“ . Hier warten wir nun eine geschlagen Stunde, bis der von Noorul vermittelte Notar seine, sicherlich wohlverdiente, Mittagspause beendet hat und unsere Papiere unterzeichnet. Die Wartezeit verkürze ich mir mit ein paar Schwarz-Weiss-Kontrastaufnahmen und einer Tüte Tee für alle.


Ja eine Tüte Tee! Tee to go wird hier in einer Tüte abgefüllt und mit der gewünschten Anzahl von Teepappbechern verkauft.

Voilá unsere Dokumente sind gestempelt, unterzeichnet und notariell beglaubigt. Damit sind wir der Vollendung unseres Projekt wieder einen Schritt näher gekommen.

Um das Ganze nun dem Anlass entsprechend zu feiern und um uns bei Karthi zu bedanken, wollen wir diesen gerne auf ein spätes Mittagessen einladen. Dies sei leider nicht möglich meint Karthi, da Noorul sich bereits dazu entschlossen hat uns eines seiner Lieblingsrestaurants in Chennai zuzeigen. Kein Problem für uns, zumal Karthi hierbei auch mit von der Partie sein wird.

Zum Essen treffen wir uns im Nair Mess und essen traditionell von Bananenblättern.

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Das Essen ist hervorragend und wir genießen den Trubel im Restaurant. Zur Abwechslung sind einmal alle mit Essen beschäftigt und niemand interessiert sich gesondert für uns. Eine echte Wohltat.
Das einzig befremdliche kommt zum Schluss, als man uns als Verdauungsförderdenden Apettithappen eine in ein Betelblatt gewickelte Nachspeise anbietet. Betel ist eine zumindest in Sri Lanka offiziell verbotene Droge und von diesem scharfen, im Mund leichte Taubheitauslösenden Geschmack mal abgesehen, schmeckt die Nachspeise in etwa so als würde man Räucherstäbchen verkosten. Definitiv ungewohnt und aufgrund der Betelbestandteile von uns auch nicht ganz mit Begeisterung verzerrt, wird uns dieser Happen die nächste Zeit noch häufiger vorgesetzt werden.

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Autor: Froilein Lumi

Lumi - wie der finnische Schnee mit einem Gespür für verrückte Abenteuerurlaube, kulinarische Be- & Absonderheiten und einem Hang zu Reisen in die nördlichen Länder dieser Welt.

Ein Gedanke zu „Stempelpapier, Tütchen Tee und Betel – ein Tag bei Gericht“

  1. Unsere Leute haben das Problem mit dem unterschiedlichen Besitzer / Fahrer mit Hilfe des deutschen Konsulates geregelt. Ging problem- und kostenlos. Das Schreiben habe ich noch hier liegen, weil das Fahrzeug auf meinen Namen in Indien zugelassen war.

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