Varanasi sehen und sterben – Nahtoderfahrung am Ganges

Varanasi – DIE HEILIGE STÄTTE am Ganges –  

Okay, ich gebe zu das es neben Varanasi noch 3 weitere (oder so) heilige Städte in Indien gibt. Ich bin ja nicht Allwissend, ABER Varanasi ist tatsächlich die EINZIG(ST)E heilige Stadt auf unserer Tour, zumindest für den Routenabschnitt in Indien.

Wenn ein gläubiger Hinudist aus dem Kreislauf der Reinkarnation ausbrechen möchte und nach seinem irdischen Lebens direkt ins Nirvana eintauchen möchte, kann er dies nur tun, indem er in einer der heiligen Städte stirbt und dort im Ganges bestattet wird.

Da ich von Natur aus Neugierig bin, dachte ich mir ich probiere das für euch mal aus. Sozusagen sterben und Nirvana auf Probe.

SCHRITT 1 – Totsterbenselend fühlen

Dieser Schritt war verhältnismäßig einfach. Nachdem wir 20 Stunden zusammengepfercht in einem Kleinlaster zugebracht hatten und über Schotterstraßen mit Schlaglöchern in Mondkratergröße geholpert sind, war ich bereits bei meiner Ankunft in Varanasi mehr tot als lebendig – perfekt.

Dennoch musste ich noch eine Weile durchhalten und mein, beim Transport nicht ganz ohne Lackschäden gebliebenes TukTuk, durch den dichten Stadtverkehr der Pilgerstätte steuern. Nach etwa 40 Minuten erreichten wir, vor lauter Erschöpfung die Augen kaum noch offen haltend, das STAYINN Hostel im Herzen Varanasis und wurden herzlichst und sehnsüchtig von unserem dritten Teammitglied Marcus empfangen.

Marcus da – alles gut. Die Teamvereinigung zum Anlass allgemeiner körperlicher Entspannung nehmend, habe ich micht erstmal auf Bett geworfen und mehrere Stunden geschlafen, währen duden und Marcus bereits eine erste Erkundungstour zum Gangesufer unternommen haben.

Ich nachhinein frage ich mich, ob vielleicht alles anders gekommen wäre, wenn ich nicht sofort ins Bett gefallen wäre. Denn wie es das Schicksal so wollte, sollte ich die nächsten 4 Tage nicht viel mehr als die Wände unseres Hostelzimmers zu Gesicht bekommen.

Ich kann über Varanasi nur so viel sagen:
Das Essen im STAYINN Hostel ist sehr lecker und magenschonend, bei Nacht treten Horden von Straßenhunden zu Gesangswettkämpfen an (das Bellen dauert von etwa Mitternacht bis Sonnenaufgang und wird nur durch das gelegentlich Protestmuhen einer Kuh unterbrochen), die Zeremonien an den Ghats sind rauchig und aufregend (auch wenn ich sie nur einmal kurz in Aktion gesehen habe), die Altstadt verwinkelt und bunt. Überhaupt ist Varanasi die erste Stadt mit wirklich alter Bausubstanz die wir hier in Indien besichtigen und die Tempel und Paläste am Gangesufer erinnern mich sofort an Schauplätze des Buches „Palast der Winde“.

Wenn ihr euch jetzt fragt wie man das alles vom STAY INN Hostel aus sehen und erleben kann, muss ich ich gestehen, dass ich mich irgendwann mehr tot als lebendig aus dem Hostel geschlichen habe um wenigstens ein bisschen was von der heiligen Stadt zu sehen.

An unserem letzten Morgen haben Soffel (die neue im Team), Marcus und duden mich unter ihre Fittiche genommen und sind mit mir durch die Gassen von Varanasi gepilgert direkt ins Frühstücksnirvana

SCHRITT 4 – Eintritt ins Nirvana

(Schritt 2 wäre in Varanasi sterben – dabei ist wichtig wirklich und tatsächlich innerhalb der Grenzen der Stadt zu sterben und sich nicht etwas als Leichnam dort hin bringen zu lassen. Denn nur wer in Varanasi stirbt darf auch hier bestattet werden.

Schritt 3 wäre die Verbrennung und anschließende Bestattung im Ganges – oder die direkte Seebestattung im Ganges [Marcus hat hier rüber ausführlich berichtet].)

Ich habe mir also Schritt 2 und 3 gesparrt und bin zu Genesungszwecke gleich zu Schritt 4 übergegangen. Frühstück in der Brown Bread Bakery. Mitten über den Dächer der Stadt, bei schönstems Sonnenschein, in einem wunderbar liebevoll eingerichteten Café mit Dachgarten gab es verschiedene Sorten Natursauerteigbrot, Marmelade, Käse, Tee, Kaffee und BUTTER.

Nach dem wir zu viert 3 Portionen Butter bestellt hatten hießen wir für den Kellner nur noch die „Butter-family“, aber mal ehrlich, so ein richtig echtes Brot schmeckt doch am besten mit frischer Butter, oder?

Ich kann die Brown Bread Bakery wirklich wärmstens empfehlen. Ich mag die indische Küche sehr, aber nach 5 Wochen habe ich dieses kleine Stück Heimat in meinem ganz persönlichem Brothimmel sehr genossen.

Nach dem wir alle gesättigt waren und unsere Teller und Tassen per Lastenzug durchs Treppenhaus hinabgelassen wurden, gings für uns zurück ins Hostel, diesmal nicht durch die Gassen von Varanasi, sondern entlang der Ghats und vorbei an vielen mutigen Indern die ihre Morgenwäsche im Ganges verrichten haben.

Ich kann leider nicht viel mehr über Varanasi berichten, vielleicht nur noch so viel – es ist eine ungewöhnlich saubere Stadt und ich freue mich sie beim nächsten Mal genauer erkunden zu können.

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Marcus: So langsam komplettiert sich unsere Crew, nun sind wir schon zu dritt

Mein erster Tag in #Varanasi, erst mal ausschlafen. Zwar hatte ich den ursprünglichen Plan um 7:30 Uhr aufzustehen, um 8:00 Uhr hoch ins Café zum Frühstücken zu toben um mir dann endlich eine indische Simkarte zu besorgen, aber das Bett, ach dieses wunderbare Bett, das erste seit fast zwei Tagen, es war einfach zuuuuuuu gut! Irgendwann musste ich dann doch mal das Außenklo hier inspizieren und dachte mir, fragste Mal bei Duden und Lumi nach wo die denn gerade stecken. Ups! Die sind schon auf der Umgehungsstraße, vielleicht mal aufstehen?

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Im Café gab´s Mike´s Spezial Breakfast, eine Art Full British nur ohne Würstchen und mit Gelee statt Marmelade, aber da klingelte auch schon mein Handy, und Duden fragte ganz frech ob ich ihm nicht mal die Tür aufmachen könne. Ich war ja wohl noch nie so schnell eine Treppe runter, auf der Straße und wir lagen uns erst mal alle drei in den Armen. Es geht ihnen gut, sie leben wirklich noch, die #Tuktuks bewegen sich immerhin, denn LKW dürfen hier nicht in die Innenstadt und so musste selbst gefahren werden. Wir bekamen vor Freude alle drei erst einmal einen akuten Anfall von #Verbaldiarrhoe und mussten eine gefühlte ganze Stunde alle gleichzeitig vor uns hin schnattern.

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Das setzte sich beim Frühstück und Abladen und Auspacken so fort, bis Lumi uns mehr oder weniger raus warf um zu schlafen und ich mich mit Duden auf den Weg zu den #Ghats am #Ganges machte , wir wollten die Uferpromenade entlang schlendern und waren gespannt darauf einen der allerheiligsten Orte des #Hinduismus und die älteste durchgehend bewohnte Stadt der Erde kennenzulernen. Wir starteten am #Ass iGhat, ganz im Süden, und wanderten über viele Stunden, immer am Wasser entlang, bis zum #Dashashwhamed Ghat.

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Was das ist? Ein Ghat? Ein Ghat ist eine stufenförmige Anlage die zum Ganges hinunter führt, dass man dort im Wasser der heiligen Mutter Ganga rituelle Waschungen vornehmen kann. Dafür kommen Hindus aus Indien und der ganzen Welt angereist, denn das ist eine vornehme Pilgerpflicht. Tatsächlich ist das Wasser des Ganges heute so verdreckt durch Chemie, Fäkalien und #Leichengift (dazu kommen wir noch), dass man damit als nicht lebensmüder Mitteleuropäer besser nicht in Berührung kommt. Die Inder selber sind das gewohnt, waschen darin sogar noch ihre Wäsche, tauchen unter um sich ganzkörperzuheiligen und so mancher #Tschai-#Wallah (Teeverkäufer) spült darin auch gern mal seine Tassen aus, Wir bekamen unseren Tschai jedoch stets in Papp- oder Plastikbechern serviert, auch wenn wir hiermit dringend von Zitronen-Massala-Tschai warnen möchten. Der ist, nun ja, ein gewisses Erlebnis……

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Alle möglichen religiösen Gestalten treiben sich hier herum, vom #Bettelmönch über den #Fakemönch (eine hier verbreitete Gattung) bis zum Europäischen #Saddhu und islamischen Frauen, die versuchen ihr Geld mit Führungen durch #Hindutempel zu verdienen. Und natürlich die üblichen Portraitmaler, Bootsausflugverkäufer und Ramschhändler mit holzgeschnitzten Fußmassageröllchen und in Afrika von Kinderhänden zusammengeknüpften Gebetskettchen. Dabei wird man hier trotzdem weniger belästigt als in einer durchschnittlichen Fußgängerzone Istanbuls.

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Ich habe also diverse Tempel besucht, unzähligen Göttern ein von alten Frauen vorgemurmeltes Mantra dargebracht, viele wunderbare Fotos geschossen, ekligen und himmlischen Tschai geschlürft, ach… Moment, und dann sind da noch die #Verbrennungsghats.

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Wenn ein gläubiger Hindu in Varansi stirbt und dort verbrannt und seine Asche dem Ganges übergeben wird, kann er damit den ewigen Kreislauf von Tod und #Wiedergeburt durchbrechen und sofort ins #Nirvana gelangen. Dies wird heute wie seit tausenden von Jahren praktiziert, täglich, vor den Augen (und den Nasen!) aller Öffentlichkeit. Das Fotografieren ist dort verboten, verständlich, allerdings fotografieren die Familien selber ohne Ende wenn sie einen der Ihrigen verbrennen. Verstehen tue ich das also nicht so ganz, aber ich habe mich selbstverständlich daran gehalten. Die Stimmung konnte ich auch gut einfangen indem ich die #Scheiterhaufen in dieser unglaublichen Kulisse beim Einbrennen, bevor der #Leichnam aufgelegt wird, fotografiert habe. Dazu ist es nicht nötig die Gefühle der Leute zu verletzen.

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Das Dashashwhamed Ghat erreichten wir kurz vor Beginn der allabendlichen, legendären #Ganga #Aarti. Es geht um ein rituelles Feueropfer an die heilige Mutter Ganga, den Fluss Ganges. Einfach und ursprünglich werden hierzu Blumen und ein kleines Öllämpchen, heute eine Kerze, in einer kleinen Schale in den Fluss gegeben und man lässt sie davon schwimmen. Mit der Zeit haben sich dazu umfangreiche Rituale entwickelt. Heute werden erst vom Leiter des Ganzen auf einer Muschel geblasen und religiöse Lieder gesungen, dann kommen weitere #Pandits (religiöse Gelehrte) dazu und es werden in einer komplizierten #Choreografie eine gute Stunde lang zu dröhnender Musik und Glockenschlägen, mitunter auch zu rhythmischem Klatschen der Zuschauer, #Räucherstäbchen und #Feuerschalen geschwenkt und riesige Ölleuchter mit vielen Flämmchen kompliziert durch die Luft gewirbelt. Ein unglaublich intensives Erlebnis, dass uns beide staunend zurück ließ und mit dem festen Entschluss, das nochmal mit Lumi und Soffl zusammen erleben zu wollen.

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Auf dem Rückweg zum Hostel organisierten wir noch eben drei Pizzen von einem Restaurant in der Nähe und schmierten uns mit Genuss dann mit Lumi zusammen die selbigen ins Gesicht, gekrönt von Schokomuffins, die im Café hier im Hostel heute frisch gebacken wurden.

Dieser Tag war einfach ein Fest für die Sinne!

Stempelpapier, Tütchen Tee und Betel – ein Tag bei Gericht

Wir haben sie schon mehr als einmal bei einer Polizeikontrolle vorgezeigt und sind heilfroh solch wasserfeste (im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie sind einlaminiert) Papiere/Urkunden in der Hand zu haben, mit denen wir einwandfrei belegen können, dass wir die Fahrzeuge rechtmäßig durch die verschiedenen Staaten Indiens fahren.

Aber wie war das nochmal genau? Spulen wir circa 3 Wochen zurück.

Wir sind in Chennai und ärgern uns nach wie vor Princely und der Fertigstellung unserer TukTuks herum, als uns plötzlich auffällt, dass die Fahrzeuge zwar von uns bezahlt sind, wir aber keinerlei Nachweis darüber haben, das wir die Eigentümer sind. Nach mir die ganze Sache bereits eine schlaflose Nacht beschert hat, leiten wir am folgenden Tag alles in die Wege um dieses Problem aus der Welt zu schaffen:

Chennai 11.01.2018

Heute erreichen wir einen wichtigen Meilenstein in unserem Projekt. Wir bekommen unsere TukTuks ganz offiziell überschrieben . Ich bin ganz schön aufgeregt 😊, zumal es mir schon arge Bauchschmerzen bereitet, das Fahrzeug bereits komplett bezahlt zu haben, jedoch keinerlei Papiere oder Urkunden in den Händen zu halten.

In den letzten Tagen ist einfach zu viel schiefgelaufen, als das ich weiterhin uneingeschränktes Vertrauen in unsere Geschäftspartner hier in Chennai hätte. Traurig aber wahr. Dabei geht es nicht nur um nicht eingehalten Termine sondern, um solche Dinge wie gefälschte Versicherungspolicen. Dinge also, die uns bei der ersten Polizeikontrolle in große Schwierigkeiten bringen könnten und das gesamte Projekt gefährden.
Umso erleichterter bin ich das Norrul, der nette Vodaphoneshopmanager uns bei der Unterzeichnung der Papiere beratend zur Seite steht. Noor hat nicht nur einen Notar im Gericht für uns ausfindig gemacht (natürlich ein Freund von ihm, aber warum auch nicht. Eine Hand wäscht die andere), sondern stellt uns zudem für die gesamte Abwicklung der notariellen Beglaubigung seinen Personalassistant Karthi zur Verfügung.

Da ich noch nie in meinem Leben irgendein Dokument notariell beglaubigen musste, werde ich mich heute einfach an dudens Fersen heften und das ganze Prozedere für euch dokumentieren.

Spätestens seit der Simkartenregistrierung weiss ich das Indien in Sachen Bürokratie ähnlich kompliziert sein kann wie Deutschland.

Zunächst einmal müssen die Schriftstücke verfasst werden. Insgesamt zwei für jedes Vehikel. Einmal brauchen wir eine Art Kaufvertrag, aus dem hervorgeht, das wir die Fahrzeuge gekauft haben und berechtigt sind diese in Deutschland auf unseren Namen umzumelden. Bei dem zweiten Dokument geht es inhaltlich darum, das der aktuelle amtliche Fahrzeughalter (die Fahrzeuge können in Indien leider nicht auf unsere Namen zugelassen werden) uns gestattet die Fahrzeuge von Chennai nach Deutschland zu überführen und zwar über den Landweg, also mehrere Grenzen überschreitenden.

Klingt kompliziert?
War es im ersten Moment auch, schließlich muss das Schriftstück auf englisch verfasst sein. Dennoch wäre TukTuk to go nicht TukTuk to go, wenn wir nicht auch für dieses Problem eine Lösung fänden. Zu dritt vereinen wir eine geballte Macht an Kontakten und so wurde die Ausformlierung der Schriftstücke freundlicherweise von Smartie (Matthias Surovcik) von der Fahrtenwind gUG für uns übernommen.

Für 11:00 sind wir mit Princley verabredet um gemeinsam mit ihm und Karthi zum Notar zu fahren.

Nach einer etwa 5 minütigen Autofahrt heißt es schon wieder aussteigen. Wir sind mitten auf einer belebten Straße. Vor uns befinden sich dicht zusammengedrängt verschiedene kleine Gemichtwarenläden. So sieht es also bei einem Notar im Indien aus, denke ich mir, ziehe meine Schuhe aus und betrete das etwa 8 qm² große Einraumbüro. Der Putz blättert an einigen Stellen von der Wand und die von der Decke hängenden Elektokabel werden vom Luftzug des Ventilator sacht hin und her geschaukelt.

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Während ich noch überlege, ob in ein in Deutschland zugelassen Notar mit einem solchen Büro auch nur einen einzigen Kunden hätte, sind duden umd Karthi schon mitten in den Preisverhandlungen. 200 Rupies zahlen wir schließlich für zwei wunderschön bedruckt Bögen Stempelpapier. Der Stempel erinnert mich etwas an eine Geldnote und nimmt circa 1/3 des Blattes ein. Bevor ich die Situation richtig erfassen, geschweige denn mehr als ein Foto machen kann, drängen schon wieder alle nach draußen und ich stolper rückwärts die Treppe herunter.

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Das ging jetzt wirklich fix. Also wieder rein ins Auto und zurück zum Hostel? Ich bin verwirrt zumal von dem Stempel abgesehen nichts auf dem Papier steht.

Nach einer weiteren kurzen Autofahrt (langsam frage ich mich warum wir nicht einfach laufen) gehts in den nächsten Laden. Eingeklemmt zwischen einem Airtelshop und einem Kiosk liegt versteckt ein Kopierladen. Dieser Laden ist zwar größer als der letzte, aber aufgrund seines schlauchartigen Grundriss, können wir uns auch hier kaum bewegen. Zum Glück tragen wir keine Schuhe, so tut es zunindest nicht weh wenn wir uns gegenseitig auf die Füße treten.

Nun verstehe ich auch auch die Sache von vorhin etwas besser. Wir waren noch gar nicht beim Notar. Wir haben nur das Stempel/Urkundenpapier gekauft und können nun die ausformlierten Verträge darauf ausdrucken lassen. Gesagt, getan. Schnell stellen wir fest, dass wir hätten vier statt zwei Bögen Stempelpapier kaufen müssen. 😂

Also geht es nochmal zurück zum vermeintlichen Notar, der in Wirklichkeit mit Urkundenpapier handelt. Während Karthi sich um alles weitere kümmert, werden wir zur Untätigkeit verdammt und müssen unserer Kaste entsprechend, im Schatten sitzend warten.
Manchmal ist dieses tief verwurzelte Kastendenken, das zudem alle Weißen instantly in die höchste Kaste erhebt, etwas anstrengend. (Mehr dazu in Kürze)

Nachdem alle Schriftstücke gedruckt sind geht es ins Gerichtsgebäude der 8,5 Millioneneinwohner Metropole Chennai und glaubt mir hier fängt der Spaß erst richtig an.

Das Gericht von Chennai befindet sich im Zentrum des alten Stadtkerns und ist ein ziemlich hässliches, klotzartiges Gebäude. Die gesamte untere Etage ist ein Parkdeck, in dem allem Anschein nach ausschließlich Motorräder und Roller geparkt sind.

Beim Betreten des Gerichtsgebäudes biete sich mir ein sonderbarer Anblick. Hätte ich vorgehabt ein Häschen oder ein paar Goldfische zu kaufen, ich wäre mit nichten verwundert gewesen mich in diesem Gebäude wiederzufinden. Die Häschen die hier zum Verkauf angeboten werden tun mir besonders leid und ich würde liebsten alle auf einmal kaufen. Die Kanarienvögel, Tauben und selbst die Fische sehen ebenfalls nicht besonders glücklich aus. Aus Gründen die ich nicht genau verstehen kann befindet sich eine Tierhandlung im Gerichtsgebäude.

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Während wir die Rampen zum nächsten Stockwerk hochsteigen (immerhin ist das Gerichtsgebäude barrierefrei) entdecke ich neben der Tierhandlung noch weitere Ladenlokale, bzw. Stände die mitten in den Gängen und Fluren des Gerichtshofes aufgeschlagen wurden. Unter anderem eine Street- oder sollte ich sagen Courtyard – kitchen, eine Wäscherei, eine Näherei und ein Bügelservice. Etliche andere Ladenlokale sind heute geschlossen. Ich bin fast versucht an einem anderen Tag wiederzukommen, um zu schauen was hier sonst noch alles angeboten wird.

Nachdem wir mehrere der Rampen emporgeklommen sind wartet eine Polizeikontrolle auf uns, lässt uns aber anstandslos passieren, nachdem Karthi ihnen erklärt was wir hier bei Gericht wollen. Fotos sind in diesem Areal des Gebäudes nicht mehr erlaubt und ich bin ich kurz etwas frustriert.
Nach wenigen Minuten des Wartens wird, klar das wir in der Gerichttsbarkeit eine Rampe zu hochgeklettert sind und es geht abwärts in die „Fotos are allowed zone“ . Hier warten wir nun eine geschlagen Stunde, bis der von Noorul vermittelte Notar seine, sicherlich wohlverdiente, Mittagspause beendet hat und unsere Papiere unterzeichnet. Die Wartezeit verkürze ich mir mit ein paar Schwarz-Weiss-Kontrastaufnahmen und einer Tüte Tee für alle.


Ja eine Tüte Tee! Tee to go wird hier in einer Tüte abgefüllt und mit der gewünschten Anzahl von Teepappbechern verkauft.

Voilá unsere Dokumente sind gestempelt, unterzeichnet und notariell beglaubigt. Damit sind wir der Vollendung unseres Projekt wieder einen Schritt näher gekommen.

Um das Ganze nun dem Anlass entsprechend zu feiern und um uns bei Karthi zu bedanken, wollen wir diesen gerne auf ein spätes Mittagessen einladen. Dies sei leider nicht möglich meint Karthi, da Noorul sich bereits dazu entschlossen hat uns eines seiner Lieblingsrestaurants in Chennai zuzeigen. Kein Problem für uns, zumal Karthi hierbei auch mit von der Partie sein wird.

Zum Essen treffen wir uns im Nair Mess und essen traditionell von Bananenblättern.

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Das Essen ist hervorragend und wir genießen den Trubel im Restaurant. Zur Abwechslung sind einmal alle mit Essen beschäftigt und niemand interessiert sich gesondert für uns. Eine echte Wohltat.
Das einzig befremdliche kommt zum Schluss, als man uns als Verdauungsförderdenden Apettithappen eine in ein Betelblatt gewickelte Nachspeise anbietet. Betel ist eine zumindest in Sri Lanka offiziell verbotene Droge und von diesem scharfen, im Mund leichte Taubheitauslösenden Geschmack mal abgesehen, schmeckt die Nachspeise in etwa so als würde man Räucherstäbchen verkosten. Definitiv ungewohnt und aufgrund der Betelbestandteile von uns auch nicht ganz mit Begeisterung verzerrt, wird uns dieser Happen die nächste Zeit noch häufiger vorgesetzt werden.

TukTuk to go becomes King of the Road

English translation below
Morgen sind wir auch mal „King of the Road“!
Warum? Der Grund ist nicht sonderlich toll, aber wie immer machen wir das Beste daraus.
Froilein Lumis TukTuk hat einen schwerwiegenden Motorschaden und wird die 700 km weite Strecke von Bilaspur nach Varanasi (teilweise bergig, überwiegende Schotterpiste und Baustelle) mit aller Wahrscheinlichkeit nicht lebend überstehen. Das ist eine ziemlich blöde Sache, zumal der Weg nach Deutschland, ins SCHWARZWALD PANORAMA noch weit ist.
Chanchal der hiesige BAJA Dealer, der zumindest dudens Auto wieder auf Vordermann bringen konnte, hat uns vorgeschlagen, unsere Autos auf einen Truck zu verladen und mit diesem bis Varanasi zu fahren.
Froilein Lumi war sofort Feuer und Flamme und träumt bereits davon, ordentlich mit der „Kampfhupe“ auszuteilen und den ein oder anderen Kriecher auf der Strecke ein bisschen wachzurütteln #Ohropax #LumiSoundTheHorn.
Wir sind gespannt auf die morgige Fahrt und werden wie gewohnt berichten.
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We’ll be kings of the road tomorrow.
Why? The reason isn’t great, but as always, we make the best of it.
Froilein Lumi`s rikshaw/auto has a serious engine failure and isn´t likely to survive the 700 km far route from bilaspur to Varanasi (partly mountainous, great dirt and under construction). This is a pretty stupid thing, especially because the way to Germany, to the blackforest SCHWARZWALD PANORAMA, is still far.
Chanchal the local baja dealer, who could at least fix dudens’s car, suggested to put our autos on a truck and drive them to Varanasi.
Froilein Lumi was immediately fire and flame and she is already dreaming of blowing the „battle horn“ to startle the one or other creeper on the road to Varanasi #earplugs.
We are eagerly waiting for tomorrow’s ride and will report as usual.

„Wenn ich seine Northface Jacke sehe könnt ich schon kotzen“ – alles eine Frage der Perspektive

Über sogenannte Elendstouristen, undifferenzierte YouTube-Kommentare und einen dringend benötigten Perspektivwechsel

Eigentlich wollte ich heute Nachmittag einen ganz anderen Artikel für euch schreiben, etwas Nettes, Flauschiges, Unbeschwertes – nichts schwer Bekömmliches, keine harte Kost, nichts zum Nachdenken, Grübeln, Philosophieren und Mitdiskutieren – tja, was soll ich sagen, manchmal kommt es anders….

Mir brennt gerade viel unter den Nägeln, von dem ich euch erzählen möchte, zum Beispiel davon, das Kickstarter die Integrität unseres Projekt anzweifelt, darüber, wie farbenfroh dieses Land ist oder was für einen wundervollen Tag wir in Jagdalpur hatten, als wir einfach mal einen Tag lang am ganz normalen Touriprogramm-Wahnsinn teilgenommen haben.

Klappt aber nicht, seit gestern Abend rumort es in meinem Kopf und nachdem die Zahnräder einmal in Bewegung gekommen sind, möchte ich es nun doch loswerden und aufs Papier bringen, oder besser gesagt auf den Bildschirm.

Angefangen hat alles damit, dass meine Mutter mir einen YouTube-Link zu einem Trailer geschickt hat. In dem Trailer geht es um einen Film, der von einem deutschen Ehepaar gedreht wurde, während diese knapp 3 Jahre auf Weltreise waren (ohne ein einziges Mal ein Flugzeug zu besteigen). Der Trailer ist spannend und wäre ich derzeit in Deutschland, ich wäre definitiv mit in den Film gegangen.

Was mich aber nun seit gestern Abend so dermaßen beschäftigt, dass ich alle anderen Projekte hier auf dem Blog stehen und liegen lasse, war ein Kommentar unterhalb des YouTube-Videos:

Also, nachdem ich jetzt mittlerweile bemerkt habe, dass es inzwischen eine Welle von Weltverbesserer-Ich-reise-um-die-Welt-und-gebe-fast-nichts-aus Leuten gibt, möchte ich auch einmal etwas dazu sagen, auch wenn dies kaum jemand lesen wird.

Tja, lieber Peter Hansen, ich habe deinen Kommentar gelesen und er hat mich zum Nachdenken angeregt.

Ich habe ein Problem damit, dass inzwischen fast alle Menschen der sogenannten Ersten Welt, durch die Welt reisen und dies das Natürlichste und Beste überhaupt anpreisen. Das Ganze hat für mich etwas von Elendstourismus. Diesen können wir uns nur leisten, weil wir selbst extrem priviligiert sind und Geld haben. Gleichzeitig machen wir alle einen auf Hippie, der nicht viel Geld braucht und von der Gesellschaft unabhängig ist. […]

Nur wir haben die Macht, allein durch Geburt in der Lage zu sein, eine billige Krankenversicherung zu haben, einen universellen Pass und eine Art von Anerkennung in dieser Welt, die dazuführt dass wir überall gerne gesehen werden. Das Problem dabei ist, dass natürliche Gastfreundschaft im Ausland sehr viel größer geschrieben wird, diese jedoch auch gerne und gut von sogenannten Elendstouristen ausgenutzt wird. […]

Wie kann es sein, dass jemand der aus einem Land kommt, dessen mittleres Einkommensniveau das des Landes Somalia um ein tausendfaches übersteigt, per Anhalter fährt, sich zum Übernachten einladen lässt und die Gastfreundschaft von anderen Kulturen ausnutzt? Diese Menschen arbeiten hart und werden doch nie auch nur einen Bruchteil von dem haben, was unsere priviligierte westliche Wohlstandsgesellschaft als ganz normal ansieht.

[…] aber was ich mir wirklich wünsche wäre mehr Demut und mehr Bereitschaft der westlichen „Wertegemeinschaft“, die Ideale und Hilfsbereitschaft von weniger „verdorbenen“ Gesellschaften nicht auszunutzen. Wir haben so viel und viele andere Menschen soooo wenig. Überlegt euch doch einfach vorher, ordentliche Kohle in Deutschland zu machen (das kann man selbst ohne großen Abschluss) und diese Kohle dann ins Ausland zu den Menschen, die sie brauchen zu bringen, anstatt einen auf Pseudo-Ökotouristen zu machen, die nur abgreifen und sich noch selbst feiern, dass sie so etwas geschafft haben.

[…]

(Ich habe mir erlaubt, die für mich relevanten Ausschnitte zu kopieren und andere wegzulassen, ohne die Message des Kommentars zu verfälschen oder populistisch darzustellen. Darüber hinaus habe ich Fehler im Satzbau korrigiert, um die Lesbarkeit des Kommentars zu erleichtern.)

Spannend ist, dass Hans Peter den Film noch nicht einmal gesehen hat – aber das steht hier nicht zur Debatte. Ich habe ihn ja auch nicht gesehen :).
Wenn ihr den gesamten Kommentar lesen möchtet, findet ihr ihn hier.

Diesen Kommentar hat der gleiche Autor übrigens wenige Minuten später ebenfalls unter das Video gepostet und sich damit in meinen Augen endgültig disqualifiziert:

Und wenn ich seine North Face Jacke sehe könnt ich schon kotzen!

Nichtsdestotrotz geht mir dieses eine Wort nicht aus dem Kopf:

ELENDSTOURISMUS

Betreibe ich ebenfalls Elendstourismus, wenn ich mich empört darüber zeige, dass man versucht, mir einen Fingerhut voll Chai für 10 statt die üblichen 5 Ruppies zu verkaufen? Ist es arrogant von mir, dass ich die gleichen Preise zahlen möchte wie die Einheimischen? Wohlwissend, dass 10 Ruppies umgerechnet 13 Cent sind, wir hier also über 6,5 Cent diskutieren?

Ich finde, diese Frage lässt sich nicht ohne Weiteres pauschal beantworten. Würde jeder Tourist bereitwillig überall das Doppelte des normalen Preises zahlen, würden mit der Zeit vermutlich zwei Dinge passieren:

Erstens würden immer mehr Menschen ihre Arbeitsplätze außerhalb des „Tourismusgeschäfts“ verlassen, um in diesem das „große Geld“ zu machen.

Der Maisbauer, der sieht, dass sein Nachbar beim Teeverkauf das Doppelte des normalen Preises erzielt, würde in kürzester Zeit keinen Mais mehr anbauen, sondern ebenfalls Tee verkaufen. Aber wer baut dann den Mais an, welcher als wichtige Lebensgrundlage für Mensch und Tier dient?

Zweitens würde irgendwann auch der Tee für die lokale Bevölkerung statt 3 oder 5 Ruppies 10 Ruppies kosten und damit insbesondere für die Niedrigverdienener immer unerschwinglicher werden.

Denn genau das ist dem einstmals beschaulichen Fischerdörfchen Hikkaduwa auf Sri Lanka passiert. Knapp 90% der dortigen Bevölkerung leben inzwischen mehr schlecht als recht vom Tourismus, denn in der Nebensaison ist dort absolut tote Hose.
Des Weiteren können viele der Einheimischen sich die Preise für Lebensmittel, Speisen und Getränke direkt vor Ort nicht mehr leisten, da inzwischen alle den gleichen, hohen Touristenpreis zahlen müssen. Reich geworden ist dabei kaum keiner, außer vielleicht ein paar zwielichtige Dachorganisationen.

Es ist ein schwieriger Spagat: Wie viel mehr lasse ich als „helle-Hautfarbe-Gebühr“ durchgehen und wann ist es zu viel und schadet letztlich auch der eigenen Wirtschaft des Landes? Ich habe bereits und würde dies wieder tun sang- und klanglos 5 Ruppies für eine Tasse Tee bezahlt, wohlwissend, dass alle Einheimischen vor mir nur 3 Ruppies gezahlt haben. Das war für mich okay, nicht weil ich 3,5 Cent extra Gebühr eher verschmerzen kann als 6,5 Cent, sondern weil ein Preisaufschlag von 67% etwas anders ist als ein Aufschlag von 100%.

Ein ähnliches Problem ergibt sich beim Umgang mit Bettlern. Es gibt die einen, vor allem Ausländer, die sagen: „Die Bettler sind in ihrer Kaste gefangen und können keine richtige Arbeit annehmen.“ Dieser Aussage kann ich nur gegenüberstellen, was ich hier von indischen Geschäftsleuten gehört habe. Diese haben mir Folgendes berichtet:

„Diese Menschen haben gesunde Arme und Beine, wir haben ihnen eine Arbeit angeboten, aber sie wollen nicht arbeiten, sie betteln lieber, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“

Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht genau weiß, was ich davon halten soll. Wir als Team von TukTuk to go haben uns während unserer Reise für einen Mittelweg entschieden und geben den Menschen Essen und sauberes Trinkwasser aus Flaschen oder bieten ihnen an, sie für eine bestimmte Dienstleistung, wie etwa das Bewachen unser Fahrzeuge entsprechend zu vergüten.

Sind wir deswegen jetzt Elendstouristen? Weil wir keine, für hiesige Verhältnisse, völlig überteuerten Preise zahlen wollen und Bettler nicht dadurch in ihrem Betteln unterstützen, indem wir ihnen für deutsche Verhältnisse kleine, für hiesige Verhältnisse aber horrende Summen in den Rachen schmeißen, sondern sie stattdessen mit Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser versorgen oder sie fragen, ob sie bereit sind einen kleinen Auftrag auszuführen, den wir dann wiederum angemessen finanziell entlohnen?

Sind wir Elendstouristen, weil wir die Menschen, die uns hier als Gast aufnehmen, die dies tun, weil es ihnen eine Freude und ein Bedürfnis ist, nicht beleidigen, indem wir vehement darauf bestehen, sie finanziell zu entschädigen?
Wir versuchen immer zunächst einmal alle von uns erworbenen Produkte oder Dienstleistungen zu bezahlen. Wenn die Verkäufern im Kiosk aber auch nach dem dritten Mal darauf besteht, uns die typisch indischen Süßigkeiten als Aufmerksamkeit für unsere Reise kostenlos mit in unsere sowieso schon prall gefüllte Tüte zu stecken, dann nehmen wir dies gerne und dankend an und zeigen damit, dass wir ihre Wertschätzung annehmen und entsprechend honorieren.

Wenn wir zu Einheimischen nach Hause eingeladen werden, versuchen wir häufig, uns zu revanchieren, indem wir sie zum Abendessen einladen, ihre Produkte kaufen oder eben auch einfach ihre ehrliche und aufrichtige Gastfreundschaft annehmen. Wir versuchen dabei stets vorsichtig zu ergründen, wie es unserem jeweiligen Gastgeber geht und ob es angemessen ist, seine Einladung anzunehmen oder nicht.

Wir haben bereits darüber berichtet, dass ein Teeverkäufer in einem kleinen Laden am Indischen Ozean, fernab von allen ausgetretenen Touristenpfaden als Bezahlung für zwei Becher Tee und Kekse kein Geld haben wollte, sondern uns stattdessen darum gebeten hat, ein Foto von ihm und duden zu machen.

Wir hätten ihm liebend gern den Tee bezahlt und ein Foto mit ihm gemacht, einfach weil er uns so nett und freundlich behandelt hat und weil er nicht versucht hat, uns übers Ohr zu hauen. Dennoch wurde uns schnell klar, dass es eine Beleidigung für ihn gewesen wäre, hätten wir uns weiterhin geweigert, den Tee unbezahlt zu lassen.

Der Mann wollte dieses Foto nicht für sich, er besitzt kein Handy, keinen Computer, nichts dergleichen. Er wollte einfach nur auf unserem Fotos sein, gemeinsam mit duden. Wir haben ihm gerne diesen Wunsch erfüllt und uns obendrein noch seine Adresse geben lassen (abfotografiert von einem amtlichen Ausweisdokument), so dass wir das Foto entwickeln und ihm zuschicken lassen können. Damit zeigen wir ihm auf eine Art und Weise Respekt und Dankbarkeit, die mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist.
Ist das jetzt ausnutzen? Ist das respektlos?

Natürlich bewegt es uns zu sehen, wie die Menschen hier leben und arbeiten. Welche weiten Strecken sie zurücklegen müssen, um zur Schule oder zur Arbeit zu kommen, wie wenig materielle Güter sie im Vergleich zu uns haben. Aber sind sie deswegen elend und arm???
Ist es nicht viel mehr vermessen von uns zu behaupten, diese Menschen leben in Armut und Elend, nur weil sie nicht das neuste Smartphone haben oder neue Nike Air Turnschuhe?

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Sind diese Frauen unglücklich und fühlen sich elend, weil sie auf Steinen sitzend Tee an Touristen verkaufen?

Klar sehen viele der Häuser hier für uns ärmlich aus und wir können es uns kaum vorstellen, wie man behaglich und zufrieden mit 8 oder mehr Personen in einer 15 qm² Palmblatthütte leben kann, aber ist es nicht vermessen zu behaupten, diese Menschen würden in Elend leben? Beinhaltet das Wort Elend nicht immer auch die Unterstellung, dass es diesen Menschen an essentiellen überlebenswichtigen Gütern mangelt? Essen, Trinkwasser, Kleidung (dem Klima angemessen), einem Dach über dem Kopf, Familie, Freunde?

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Sind die Menschen zu bemitleiden, die in diesen Palmblatthäusern leben? Die zwar Strom, aber kein fließend Wasser haben und abends auf Holzfeuern kochen?
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Und was ist mit den Menschen, die in diesen Zelten leben? Elend? Können wir nur anhand ihrer Behausung und mit unseren Maßstäben ein Urteil darüber abgeben, ob ihre Lebensweise lebenswert ist oder nicht? Ob sie glücklich sind oder nicht? Ginge es ihnen besser, wenn wir uns von ihnen abwenden, keine Begegnung mit ihnen zulassen und dadurch den Vorwurf des „Elendstourismus“ vermeiden? Würde eine Nichbeachtung ihrer Gastfreundschaft unsererseits sie glücklicher machen oder wäre so eine Art des Handelns ehrenhafter als der respektvolle Umgang mit einer Einladung zum Tee?

Natürlich ist es für uns Europäer befremdlich, wenn wir bei einer reichen Familie eingeladen sind und sehen, dass diese sich mit 6 Familienmitgliedern ein 150 qm² Haus teilen, während die Angestellten draußen vor der Türe schlafen.
Dennoch sollten wir uns kein Urteil hierüber erlauben und die Situation der Angestellten nicht als Elend bezeichnen, bevor wir nicht die Möglichkeit erhalten haben, uns mit ihnen darüber zu unterhalten. Vielleicht ist der Hausangestellte froh mit seiner Position und findet es in keinster Weise befremdlich oder beschähmend, im Freien zu schlafen.

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Ist es eine elende Situation, dass der Mann, der hier arbeitet, gleichzeitig auch hier lebt? Und jede Nacht in einem völlig offenen Raum schläft, ohne Fensterscheiben, ohne Türen, ohne Privatsphäre?

Armut und auch Elend ist ein sehr subjektiver Begriff und sollte immer in Relation zu den Lebensbedingungen des jeweiligen Landes und vor allem auch den Lebenserhaltungskosten gesehen werden. Dennoch wäre ich mit folgender Aussage sofort einverstanden und würde diese auch für Indien umgehend als zutreffend bezeichnen:

„Die wohnortnahe medizinische und pflegerische Versorgung von kranken, alten und behinderten Menschen wird in den ländlich geprägten Regionen […] zunehmend schwieriger.“

Oops, bei dieser Aussage geht es ja gar nicht um sogenannte Elendsländer wie Indien oder Somalia, sondern dies ist eine Stellungsnahme der Caritas e.V zur medizinischen Versorgung ländlich geprägter Regionen in DEUTSCHLAND.

Ihr seht also, worauf ich hinaus möchte. Zumindest hoffe ich, mich verständlich gemacht zu haben.
Nur weil Menschen anders leben als wir, unter anderen Bedingungen, anderen kulturellen, religiösen und materiellen Gebräuchen, sind sie nicht automatisch elend und wir verbessern ihre Situation nicht automatisch dadurch, dass wir ihnen unüberlegt finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, zumal mit der Intension:

„Ach was sind schon 25 €? Das geb ich an einem Abend im Kino aus.“

Diese 25€ sind hier ein absolutes Vermögen und es verbessert die Situation von wirklich niemanden, wenn ich einmalig Dienstleistungen und Produkte mit völlig überzogenen ortsuntypischen Summen entlohnen und anschließend 14 Tage später wieder nach Hause fliege.

Die Frage ist ja auch immer, welche Wertigkeit ich einzelnen Dienstleistungen und Produkten beimesse, indem ich einfach überall wahllos völlig overcharged Preise akzeptiere.
Welche Achtung bringe ich der Arbeit eines Fischers entgegen, wenn ich ihm für ein einzelnes Foto von ihm beim Netzflicken so viel zahle, wie er sonst für einen ganzen Eimer frischen Fisch erhalten würde? Wobei die Summe für mich umgerechnet vielleicht noch nicht mal bei 3€ liegt.

Es ist und bleibt ein schwerer Spagat. Ich habe mir für mich persönlich als wichtigste Devise meiner Reisen vorgenommen, den Kulturen und Gebräuchen, denen ich begegne Respekt zu zollen und mich zunächst erst einmal auf sie einzulassen, um sie anschließend, nach einer äußerlichen und innerlichen Betrachtung verstehen und nachvollziehen zu können. Völlig wertfrei gelingt mir dies natürlich nicht, aber das Verständnis für andere Kulturen wird tiefer, wenn wir es wagen, die Dinge auch einmal aus einem anderem Blickwinkel zu betrachten.

Ich bin freundlich und respektvoll gegenüber jedem, dem ich auf meinen Reisen begegne, zumindest versuche ich dies. Merke ich aber, dass mein Gegenüber mir keinen Respekt zollt, mich als Melkkuh missbrauchen möchte, um sich persönlich zu bereichern, dann kann auch ich fuchsteufelswild werden und bis aufs Blut über 10 Ruppies für eine Tasse Chai diskutieren.
Erfreulicherweise haben wir bisher überwiegend positive Erfahrungen gemacht und immer dort, wo wir es angemessen und richtig fanden auch nicht mit Trinkgeldern gespart (natürlich ohne unangemessen hohe Summe zu verteilen).

Mir hat man noch nie vorgeworfen, ein „Elendstourist“ zu sein und ich habe auch keine Sorge Gefahr zu laufen, einer zu werden, aber mich hat dieser Kommentar dennoch wütend gemacht. Wütend deshalb, weil er Menschen verurteilt, die auf Reisen gehen, in Kultur eintauchen, sich den Gegebenheiten anpassen und somit ihren Anteil dazu beitragen, dass Menschen aus anderen Ländern und Völkern einander besser verstehen.

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen, dass ich hoffe, dass niemand kotzen muss, weil ich eine BENCH Fleecejacke mit auf diese Reise genommen habe. Ach nee, warte: Die ist ja schon knapp 15 Jahre alt, die habe ich mir damals von meinem Taschengeld gekauft, als BENCH teuer und in war. Komisch, dass ich diese teure Marken-Fleecejacke auch nach 15 Jahren noch tragen kann. Man könnte fast meinen, der Kauf von qualitativ hochwertigen Kleidungsstücken sei eine gute Investition. Blöd nur, dass gute Kleidung manchmal mit einem Labelnamen verknüpft ist und man diesen oft mit einer 20 -30 % höheren Produktgebühr (Einkaufswert) bezahlen muss.
Dumm gelaufen!!!!