Not so Fast but Furious

– Lydia Malte 4.0 im TukTuk-Himmel-

Es gibt Tage an denen sollte man erst gar nicht losfahren. Heute zum Beispiel: wären wir mal schön brav noch eine Nacht bei Dr. Jain in Sarnath geblieben, hätte ich jetzt vielleicht noch ein TukTuk und hätte vor allem weder Soffel noch mich in Gefahr gebracht. Am Ende ist ja alles glimpflich ausgegangen und von ein paar Prellungen und Abschürfungen mal abgesehen, sind wir alle heil geblieben.
Alle außer Lydia Malte 4.0, mein kleines süßes TukTuk sieht jetzt leider so aus….

Durchfall am Morgen – ein Vorbote für Kummer und Sorgen?

Der Tag fing irgendwie schon beschissen an. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zunächst einmal hat der Wecker viel zu früh geklingelt, da wir heute eine recht lange Etappe von 160 km geplant hatten.
Früh losgekommen sind wir dann allerdings doch nicht, weil das gesamte Team von TukTuk to go (duden mit seinem Rindermagen natürlich ausgenommen) mit Magen-Darm-Problemen zu kämpfen hatte und die Wohlfühlzone eines Dreimeterradius um die nächstgelegene Toilette nicht verlassen wollte.

Gegen 10:00 ging es dann nach diversen Startproblemen mit meinem TukTuk endlich gen Allahabad. Zwei Stunden und 20 Kilometer später hatten wir zwar noch nicht unser Tagesziel erreicht, mussten aber dennoch die heutige Etappe für beendet erklären.

Im Sechsdörfereck Baikunthpur, Dudulpur, Sujanipur, Dayalipur, Mangari und Newada, in der Nähe des Babatpur Bahnhofs bin ich, wenig elegant und semiunverschuldet aus der Kurve gesegelt. Einerseits habe ich wohl die Kurve falsch eingeschätzt und andererseits kam mir ein Fahrzeug auf meiner Spur entgegen.

Ganz ehrlich, so genau weiss ich selbst nicht was da passiert ist. Nur so viel ist klar wir lagen plötzlich halb auf einem anderen Fahrzeug und mein Tuktuk war irgendwie schrott.

Ich erinnere mich nicht mehr an viel.
Ich bin aus dem TukTuk geklettert, habe Soffel rausgezogen und anschließend haben wir erstmal gegenseitig gecheckt das es uns beiden gut geht. Soffel ist ja vom Fach und hat mich als Krankenschwester erstmal ordentlich verarztet und meine Schnittverletzung an der Hand gereinigt und verbunden.
Während Soffel und ich noch beim Gliedmaßencheck waren, haben duden, Marcus, ungefähr 20 Schaulustige und drei bis vier sehr hilfsbereite Inder das Tuk wieder in die Senkrechte befördert.

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Der ebenfalls am Unfall beteiligte Autofahrer hat viel und laut rumgemotzt, Money Money Money gerufen und ist letztlich mit 2000 Rupies in der Tasche abgedampft. Verständlicherweise hatten wir keinen Nerv uns auf irgendwelche Diskussionen und Schuldzuweisungen einzulassen.

Nachdem der erste Schock überwunden und der Unfall“gegner“ so abrupt verschwunden war, wollten wir eigentlich zurück nach Sarnath, um von dort aus alles Weitere zu klären. Marcus hatte sich daher auch bereits zu Fuß auf die circa 2 km lange Strecke zum Varanasi Flughafen gemacht, um von dort ein Taxi für uns zu ordern, denn 4 Personen plus Gepäck würde selbst dudens noch völlig intaktes TukTuk nicht schaffen.

?! Die Polizei dein Freund und Helfer ?!

Während wir noch auf Marcus warteten, betrat ein neuer Akteur die Bühne unserers (kleinen) Reisedramas. Die Polizei hatte irgendwie Wind von der Sache bekommen und wollte nun erstmal 30 000 Rupies haben. „30 000 Rupies -Warum?“ wollte duden wissen und bekam als Antwort:
„Wegen der Verursachung eines Verkehrsunfalls“
„Aber wir haben keinen Unfall verursacht“ meinte duden und schwups waren die 30 000 Rupies Schnee von gestern. Schon spannend was man mit sicherem Auftretem und einem Stapel Zeitungsartikel auf Hindi so alles bewirken kann.
Wie gut das duden immer schön brav sammelt, wenn die hiesigen Medien über uns berichten. So mussten wir uns nicht lange mit Händen und Füßen verständigen, die Polizei konnte natürlich kein Wort Englisch, sondern hatten eine Kurzbiografie unserer Tour auf Hindi parat.

Einfach so verduften ging natürlich trotzdem nicht, wenn die Mühlen der Bürokratie zu mahlen beginnen, hören sie so schnell nicht mehr auf.
In der Kurzfassung liefen die nächsten 3 Stunden wie folgt ab:

Schritt 1)
Soffel und ich wurden ins Polizeiauto gesteckt und zum Flughafen gebracht, um dort in einem Einraumpolizeibüro auf duden zu warten, der während dessen mit seinem TukTuk auf der Suche nach Marcus war.

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Schritt 2)
Als Marcus nach einer kleinen Taxi-Odyssee (er berichtet sicherlich gern davon), wieder beim Rest von uns angelangt war, ging es für mich und duden zum „richtigen“ Polizeirevier, um den Unfallhergang aufzunehmen.

Das Polizeirevier von Phulpur war eine ganz eigene Attraktion. Wie hat es duden so schön beschrieben „Kubanisch-mafiöses Flair“.

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Das Polizeirevier war ein gutshausähnlicher Vierseitenhof im spätkolonialen Stil, umsäumt von Kolonaden und verfügte natürlich über einen eigenen Fitnesskomplex. In der Mitte des mit Sand betreuten Innenofs stand ein Plastiktisch mit 4 Stühlen in der Sonne und wurde von mehreren Polizisten mit Gewehren flankiert. Alles in allem total fasziniernend und wäre ich nicht noch halb im Schockzustand gewesen, ich hätte noch einige Fotos mehr geschossen. Es gibt schlechtere Orte auf der Welt an denen man einen polizeilichen Unfallbericht abgeben muss.

Schritt 3)
Kein Polizeibericht ohne ärztliches Attest, also ab ins Krankenhaus. Zum Krankenhaus kann ich nur soviel sagen, es war ein typisch indisches Gebäude. Alles etwas ranzig, der Putz ist von den Wänden geblättert, der Grünspan hat hübsche Blumenmuster auf die Fliesen gemalt und die Staubschicht auf dem Fußboden war sicherlich erst ein paar Stunden alt – alles wie immer.
Bezüglich der Behandlung hat es mich einiges an Überredung gekostet, die durchaus hilfsbereiten Ärzte von Tetanusimpfungen und anderen gut gemeinten Hilfeleistungen abzuhalten. Schließlich sind meine Impfungen aktuell und Soffel hatte mich ja bereits fachmännisch versorgt. Am Ende durfte ich meinen sterilen Wundverband an der Hand behalten und musste meine Schnittwunde nicht dem gesamten Bakterienhaushalt von Phulpur zum Dessert servieren.

Schritt 4)
Zurück zu Marcus und Soffel. Erstmal sicher gehen das es den beiden gut geht, einen Rücktransport für alle besorgen und durch den Stadtverkehr von Varanasi nach Sarnath fahren.20180209_172900

Hier sitzten wir nun, verdauen das Erlebte, badenn unsere geschundenen Füße und überlegen, ob wir die Tour jetzt mit einem TukTuk fortführen oder versuchen Lydia Malte 4.0 zu reparieren.
Ich weiss noch nicht wie es weitergeht. Meine finanziellen Mittel sind durch die letzten Reparaturen bereits mehr als ausgeschöpft und bis auf den sowieso beschädigten Motor scheint alles mehr oder weniger Schrott zu sein (Radaufhängung, Dachkonstruktion, Reversgear, Lichter, Dachgepäckträger u.s.w)… aber wir werden sehen – das wichtigste ist das es allen von uns gut geht.

 

 

Varanasi sehen und sterben – Nahtoderfahrung am Ganges

Varanasi – DIE HEILIGE STÄTTE am Ganges –  

Okay, ich gebe zu das es neben Varanasi noch 3 weitere (oder so) heilige Städte in Indien gibt. Ich bin ja nicht Allwissend, ABER Varanasi ist tatsächlich die EINZIG(ST)E heilige Stadt auf unserer Tour, zumindest für den Routenabschnitt in Indien.

Wenn ein gläubiger Hinudist aus dem Kreislauf der Reinkarnation ausbrechen möchte und nach seinem irdischen Lebens direkt ins Nirvana eintauchen möchte, kann er dies nur tun, indem er in einer der heiligen Städte stirbt und dort im Ganges bestattet wird.

Da ich von Natur aus Neugierig bin, dachte ich mir ich probiere das für euch mal aus. Sozusagen sterben und Nirvana auf Probe.

SCHRITT 1 – Totsterbenselend fühlen

Dieser Schritt war verhältnismäßig einfach. Nachdem wir 20 Stunden zusammengepfercht in einem Kleinlaster zugebracht hatten und über Schotterstraßen mit Schlaglöchern in Mondkratergröße geholpert sind, war ich bereits bei meiner Ankunft in Varanasi mehr tot als lebendig – perfekt.

Dennoch musste ich noch eine Weile durchhalten und mein, beim Transport nicht ganz ohne Lackschäden gebliebenes TukTuk, durch den dichten Stadtverkehr der Pilgerstätte steuern. Nach etwa 40 Minuten erreichten wir, vor lauter Erschöpfung die Augen kaum noch offen haltend, das STAYINN Hostel im Herzen Varanasis und wurden herzlichst und sehnsüchtig von unserem dritten Teammitglied Marcus empfangen.

Marcus da – alles gut. Die Teamvereinigung zum Anlass allgemeiner körperlicher Entspannung nehmend, habe ich micht erstmal auf Bett geworfen und mehrere Stunden geschlafen, währen duden und Marcus bereits eine erste Erkundungstour zum Gangesufer unternommen haben.

Ich nachhinein frage ich mich, ob vielleicht alles anders gekommen wäre, wenn ich nicht sofort ins Bett gefallen wäre. Denn wie es das Schicksal so wollte, sollte ich die nächsten 4 Tage nicht viel mehr als die Wände unseres Hostelzimmers zu Gesicht bekommen.

Ich kann über Varanasi nur so viel sagen:
Das Essen im STAYINN Hostel ist sehr lecker und magenschonend, bei Nacht treten Horden von Straßenhunden zu Gesangswettkämpfen an (das Bellen dauert von etwa Mitternacht bis Sonnenaufgang und wird nur durch das gelegentlich Protestmuhen einer Kuh unterbrochen), die Zeremonien an den Ghats sind rauchig und aufregend (auch wenn ich sie nur einmal kurz in Aktion gesehen habe), die Altstadt verwinkelt und bunt. Überhaupt ist Varanasi die erste Stadt mit wirklich alter Bausubstanz die wir hier in Indien besichtigen und die Tempel und Paläste am Gangesufer erinnern mich sofort an Schauplätze des Buches „Palast der Winde“.

Wenn ihr euch jetzt fragt wie man das alles vom STAY INN Hostel aus sehen und erleben kann, muss ich ich gestehen, dass ich mich irgendwann mehr tot als lebendig aus dem Hostel geschlichen habe um wenigstens ein bisschen was von der heiligen Stadt zu sehen.

An unserem letzten Morgen haben Soffel (die neue im Team), Marcus und duden mich unter ihre Fittiche genommen und sind mit mir durch die Gassen von Varanasi gepilgert direkt ins Frühstücksnirvana

SCHRITT 4 – Eintritt ins Nirvana

(Schritt 2 wäre in Varanasi sterben – dabei ist wichtig wirklich und tatsächlich innerhalb der Grenzen der Stadt zu sterben und sich nicht etwas als Leichnam dort hin bringen zu lassen. Denn nur wer in Varanasi stirbt darf auch hier bestattet werden.

Schritt 3 wäre die Verbrennung und anschließende Bestattung im Ganges – oder die direkte Seebestattung im Ganges [Marcus hat hier rüber ausführlich berichtet].)

Ich habe mir also Schritt 2 und 3 gesparrt und bin zu Genesungszwecke gleich zu Schritt 4 übergegangen. Frühstück in der Brown Bread Bakery. Mitten über den Dächer der Stadt, bei schönstems Sonnenschein, in einem wunderbar liebevoll eingerichteten Café mit Dachgarten gab es verschiedene Sorten Natursauerteigbrot, Marmelade, Käse, Tee, Kaffee und BUTTER.

Nach dem wir zu viert 3 Portionen Butter bestellt hatten hießen wir für den Kellner nur noch die „Butter-family“, aber mal ehrlich, so ein richtig echtes Brot schmeckt doch am besten mit frischer Butter, oder?

Ich kann die Brown Bread Bakery wirklich wärmstens empfehlen. Ich mag die indische Küche sehr, aber nach 5 Wochen habe ich dieses kleine Stück Heimat in meinem ganz persönlichem Brothimmel sehr genossen.

Nach dem wir alle gesättigt waren und unsere Teller und Tassen per Lastenzug durchs Treppenhaus hinabgelassen wurden, gings für uns zurück ins Hostel, diesmal nicht durch die Gassen von Varanasi, sondern entlang der Ghats und vorbei an vielen mutigen Indern die ihre Morgenwäsche im Ganges verrichten haben.

Ich kann leider nicht viel mehr über Varanasi berichten, vielleicht nur noch so viel – es ist eine ungewöhnlich saubere Stadt und ich freue mich sie beim nächsten Mal genauer erkunden zu können.

Stempelpapier, Tütchen Tee und Betel – ein Tag bei Gericht

Wir haben sie schon mehr als einmal bei einer Polizeikontrolle vorgezeigt und sind heilfroh solch wasserfeste (im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie sind einlaminiert) Papiere/Urkunden in der Hand zu haben, mit denen wir einwandfrei belegen können, dass wir die Fahrzeuge rechtmäßig durch die verschiedenen Staaten Indiens fahren.

Aber wie war das nochmal genau? Spulen wir circa 3 Wochen zurück.

Wir sind in Chennai und ärgern uns nach wie vor Princely und der Fertigstellung unserer TukTuks herum, als uns plötzlich auffällt, dass die Fahrzeuge zwar von uns bezahlt sind, wir aber keinerlei Nachweis darüber haben, das wir die Eigentümer sind. Nach mir die ganze Sache bereits eine schlaflose Nacht beschert hat, leiten wir am folgenden Tag alles in die Wege um dieses Problem aus der Welt zu schaffen:

Chennai 11.01.2018

Heute erreichen wir einen wichtigen Meilenstein in unserem Projekt. Wir bekommen unsere TukTuks ganz offiziell überschrieben . Ich bin ganz schön aufgeregt 😊, zumal es mir schon arge Bauchschmerzen bereitet, das Fahrzeug bereits komplett bezahlt zu haben, jedoch keinerlei Papiere oder Urkunden in den Händen zu halten.

In den letzten Tagen ist einfach zu viel schiefgelaufen, als das ich weiterhin uneingeschränktes Vertrauen in unsere Geschäftspartner hier in Chennai hätte. Traurig aber wahr. Dabei geht es nicht nur um nicht eingehalten Termine sondern, um solche Dinge wie gefälschte Versicherungspolicen. Dinge also, die uns bei der ersten Polizeikontrolle in große Schwierigkeiten bringen könnten und das gesamte Projekt gefährden.
Umso erleichterter bin ich das Norrul, der nette Vodaphoneshopmanager uns bei der Unterzeichnung der Papiere beratend zur Seite steht. Noor hat nicht nur einen Notar im Gericht für uns ausfindig gemacht (natürlich ein Freund von ihm, aber warum auch nicht. Eine Hand wäscht die andere), sondern stellt uns zudem für die gesamte Abwicklung der notariellen Beglaubigung seinen Personalassistant Karthi zur Verfügung.

Da ich noch nie in meinem Leben irgendein Dokument notariell beglaubigen musste, werde ich mich heute einfach an dudens Fersen heften und das ganze Prozedere für euch dokumentieren.

Spätestens seit der Simkartenregistrierung weiss ich das Indien in Sachen Bürokratie ähnlich kompliziert sein kann wie Deutschland.

Zunächst einmal müssen die Schriftstücke verfasst werden. Insgesamt zwei für jedes Vehikel. Einmal brauchen wir eine Art Kaufvertrag, aus dem hervorgeht, das wir die Fahrzeuge gekauft haben und berechtigt sind diese in Deutschland auf unseren Namen umzumelden. Bei dem zweiten Dokument geht es inhaltlich darum, das der aktuelle amtliche Fahrzeughalter (die Fahrzeuge können in Indien leider nicht auf unsere Namen zugelassen werden) uns gestattet die Fahrzeuge von Chennai nach Deutschland zu überführen und zwar über den Landweg, also mehrere Grenzen überschreitenden.

Klingt kompliziert?
War es im ersten Moment auch, schließlich muss das Schriftstück auf englisch verfasst sein. Dennoch wäre TukTuk to go nicht TukTuk to go, wenn wir nicht auch für dieses Problem eine Lösung fänden. Zu dritt vereinen wir eine geballte Macht an Kontakten und so wurde die Ausformlierung der Schriftstücke freundlicherweise von Smartie (Matthias Surovcik) von der Fahrtenwind gUG für uns übernommen.

Für 11:00 sind wir mit Princley verabredet um gemeinsam mit ihm und Karthi zum Notar zu fahren.

Nach einer etwa 5 minütigen Autofahrt heißt es schon wieder aussteigen. Wir sind mitten auf einer belebten Straße. Vor uns befinden sich dicht zusammengedrängt verschiedene kleine Gemichtwarenläden. So sieht es also bei einem Notar im Indien aus, denke ich mir, ziehe meine Schuhe aus und betrete das etwa 8 qm² große Einraumbüro. Der Putz blättert an einigen Stellen von der Wand und die von der Decke hängenden Elektokabel werden vom Luftzug des Ventilator sacht hin und her geschaukelt.

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Während ich noch überlege, ob in ein in Deutschland zugelassen Notar mit einem solchen Büro auch nur einen einzigen Kunden hätte, sind duden umd Karthi schon mitten in den Preisverhandlungen. 200 Rupies zahlen wir schließlich für zwei wunderschön bedruckt Bögen Stempelpapier. Der Stempel erinnert mich etwas an eine Geldnote und nimmt circa 1/3 des Blattes ein. Bevor ich die Situation richtig erfassen, geschweige denn mehr als ein Foto machen kann, drängen schon wieder alle nach draußen und ich stolper rückwärts die Treppe herunter.

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Das ging jetzt wirklich fix. Also wieder rein ins Auto und zurück zum Hostel? Ich bin verwirrt zumal von dem Stempel abgesehen nichts auf dem Papier steht.

Nach einer weiteren kurzen Autofahrt (langsam frage ich mich warum wir nicht einfach laufen) gehts in den nächsten Laden. Eingeklemmt zwischen einem Airtelshop und einem Kiosk liegt versteckt ein Kopierladen. Dieser Laden ist zwar größer als der letzte, aber aufgrund seines schlauchartigen Grundriss, können wir uns auch hier kaum bewegen. Zum Glück tragen wir keine Schuhe, so tut es zunindest nicht weh wenn wir uns gegenseitig auf die Füße treten.

Nun verstehe ich auch auch die Sache von vorhin etwas besser. Wir waren noch gar nicht beim Notar. Wir haben nur das Stempel/Urkundenpapier gekauft und können nun die ausformlierten Verträge darauf ausdrucken lassen. Gesagt, getan. Schnell stellen wir fest, dass wir hätten vier statt zwei Bögen Stempelpapier kaufen müssen. 😂

Also geht es nochmal zurück zum vermeintlichen Notar, der in Wirklichkeit mit Urkundenpapier handelt. Während Karthi sich um alles weitere kümmert, werden wir zur Untätigkeit verdammt und müssen unserer Kaste entsprechend, im Schatten sitzend warten.
Manchmal ist dieses tief verwurzelte Kastendenken, das zudem alle Weißen instantly in die höchste Kaste erhebt, etwas anstrengend. (Mehr dazu in Kürze)

Nachdem alle Schriftstücke gedruckt sind geht es ins Gerichtsgebäude der 8,5 Millioneneinwohner Metropole Chennai und glaubt mir hier fängt der Spaß erst richtig an.

Das Gericht von Chennai befindet sich im Zentrum des alten Stadtkerns und ist ein ziemlich hässliches, klotzartiges Gebäude. Die gesamte untere Etage ist ein Parkdeck, in dem allem Anschein nach ausschließlich Motorräder und Roller geparkt sind.

Beim Betreten des Gerichtsgebäudes biete sich mir ein sonderbarer Anblick. Hätte ich vorgehabt ein Häschen oder ein paar Goldfische zu kaufen, ich wäre mit nichten verwundert gewesen mich in diesem Gebäude wiederzufinden. Die Häschen die hier zum Verkauf angeboten werden tun mir besonders leid und ich würde liebsten alle auf einmal kaufen. Die Kanarienvögel, Tauben und selbst die Fische sehen ebenfalls nicht besonders glücklich aus. Aus Gründen die ich nicht genau verstehen kann befindet sich eine Tierhandlung im Gerichtsgebäude.

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Während wir die Rampen zum nächsten Stockwerk hochsteigen (immerhin ist das Gerichtsgebäude barrierefrei) entdecke ich neben der Tierhandlung noch weitere Ladenlokale, bzw. Stände die mitten in den Gängen und Fluren des Gerichtshofes aufgeschlagen wurden. Unter anderem eine Street- oder sollte ich sagen Courtyard – kitchen, eine Wäscherei, eine Näherei und ein Bügelservice. Etliche andere Ladenlokale sind heute geschlossen. Ich bin fast versucht an einem anderen Tag wiederzukommen, um zu schauen was hier sonst noch alles angeboten wird.

Nachdem wir mehrere der Rampen emporgeklommen sind wartet eine Polizeikontrolle auf uns, lässt uns aber anstandslos passieren, nachdem Karthi ihnen erklärt was wir hier bei Gericht wollen. Fotos sind in diesem Areal des Gebäudes nicht mehr erlaubt und ich bin ich kurz etwas frustriert.
Nach wenigen Minuten des Wartens wird, klar das wir in der Gerichttsbarkeit eine Rampe zu hochgeklettert sind und es geht abwärts in die „Fotos are allowed zone“ . Hier warten wir nun eine geschlagen Stunde, bis der von Noorul vermittelte Notar seine, sicherlich wohlverdiente, Mittagspause beendet hat und unsere Papiere unterzeichnet. Die Wartezeit verkürze ich mir mit ein paar Schwarz-Weiss-Kontrastaufnahmen und einer Tüte Tee für alle.


Ja eine Tüte Tee! Tee to go wird hier in einer Tüte abgefüllt und mit der gewünschten Anzahl von Teepappbechern verkauft.

Voilá unsere Dokumente sind gestempelt, unterzeichnet und notariell beglaubigt. Damit sind wir der Vollendung unseres Projekt wieder einen Schritt näher gekommen.

Um das Ganze nun dem Anlass entsprechend zu feiern und um uns bei Karthi zu bedanken, wollen wir diesen gerne auf ein spätes Mittagessen einladen. Dies sei leider nicht möglich meint Karthi, da Noorul sich bereits dazu entschlossen hat uns eines seiner Lieblingsrestaurants in Chennai zuzeigen. Kein Problem für uns, zumal Karthi hierbei auch mit von der Partie sein wird.

Zum Essen treffen wir uns im Nair Mess und essen traditionell von Bananenblättern.

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Das Essen ist hervorragend und wir genießen den Trubel im Restaurant. Zur Abwechslung sind einmal alle mit Essen beschäftigt und niemand interessiert sich gesondert für uns. Eine echte Wohltat.
Das einzig befremdliche kommt zum Schluss, als man uns als Verdauungsförderdenden Apettithappen eine in ein Betelblatt gewickelte Nachspeise anbietet. Betel ist eine zumindest in Sri Lanka offiziell verbotene Droge und von diesem scharfen, im Mund leichte Taubheitauslösenden Geschmack mal abgesehen, schmeckt die Nachspeise in etwa so als würde man Räucherstäbchen verkosten. Definitiv ungewohnt und aufgrund der Betelbestandteile von uns auch nicht ganz mit Begeisterung verzerrt, wird uns dieser Happen die nächste Zeit noch häufiger vorgesetzt werden.

TukTuk to go becomes King of the Road

English translation below
Morgen sind wir auch mal „King of the Road“!
Warum? Der Grund ist nicht sonderlich toll, aber wie immer machen wir das Beste daraus.
Froilein Lumis TukTuk hat einen schwerwiegenden Motorschaden und wird die 700 km weite Strecke von Bilaspur nach Varanasi (teilweise bergig, überwiegende Schotterpiste und Baustelle) mit aller Wahrscheinlichkeit nicht lebend überstehen. Das ist eine ziemlich blöde Sache, zumal der Weg nach Deutschland, ins SCHWARZWALD PANORAMA noch weit ist.
Chanchal der hiesige BAJA Dealer, der zumindest dudens Auto wieder auf Vordermann bringen konnte, hat uns vorgeschlagen, unsere Autos auf einen Truck zu verladen und mit diesem bis Varanasi zu fahren.
Froilein Lumi war sofort Feuer und Flamme und träumt bereits davon, ordentlich mit der „Kampfhupe“ auszuteilen und den ein oder anderen Kriecher auf der Strecke ein bisschen wachzurütteln #Ohropax #LumiSoundTheHorn.
Wir sind gespannt auf die morgige Fahrt und werden wie gewohnt berichten.
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We’ll be kings of the road tomorrow.
Why? The reason isn’t great, but as always, we make the best of it.
Froilein Lumi`s rikshaw/auto has a serious engine failure and isn´t likely to survive the 700 km far route from bilaspur to Varanasi (partly mountainous, great dirt and under construction). This is a pretty stupid thing, especially because the way to Germany, to the blackforest SCHWARZWALD PANORAMA, is still far.
Chanchal the local baja dealer, who could at least fix dudens’s car, suggested to put our autos on a truck and drive them to Varanasi.
Froilein Lumi was immediately fire and flame and she is already dreaming of blowing the „battle horn“ to startle the one or other creeper on the road to Varanasi #earplugs.
We are eagerly waiting for tomorrow’s ride and will report as usual.

„Wenn ich seine Northface Jacke sehe könnt ich schon kotzen“ – alles eine Frage der Perspektive

Über sogenannte Elendstouristen, undifferenzierte YouTube-Kommentare und einen dringend benötigten Perspektivwechsel

Eigentlich wollte ich heute Nachmittag einen ganz anderen Artikel für euch schreiben, etwas Nettes, Flauschiges, Unbeschwertes – nichts schwer Bekömmliches, keine harte Kost, nichts zum Nachdenken, Grübeln, Philosophieren und Mitdiskutieren – tja, was soll ich sagen, manchmal kommt es anders….

Mir brennt gerade viel unter den Nägeln, von dem ich euch erzählen möchte, zum Beispiel davon, das Kickstarter die Integrität unseres Projekt anzweifelt, darüber, wie farbenfroh dieses Land ist oder was für einen wundervollen Tag wir in Jagdalpur hatten, als wir einfach mal einen Tag lang am ganz normalen Touriprogramm-Wahnsinn teilgenommen haben.

Klappt aber nicht, seit gestern Abend rumort es in meinem Kopf und nachdem die Zahnräder einmal in Bewegung gekommen sind, möchte ich es nun doch loswerden und aufs Papier bringen, oder besser gesagt auf den Bildschirm.

Angefangen hat alles damit, dass meine Mutter mir einen YouTube-Link zu einem Trailer geschickt hat. In dem Trailer geht es um einen Film, der von einem deutschen Ehepaar gedreht wurde, während diese knapp 3 Jahre auf Weltreise waren (ohne ein einziges Mal ein Flugzeug zu besteigen). Der Trailer ist spannend und wäre ich derzeit in Deutschland, ich wäre definitiv mit in den Film gegangen.

Was mich aber nun seit gestern Abend so dermaßen beschäftigt, dass ich alle anderen Projekte hier auf dem Blog stehen und liegen lasse, war ein Kommentar unterhalb des YouTube-Videos:

Also, nachdem ich jetzt mittlerweile bemerkt habe, dass es inzwischen eine Welle von Weltverbesserer-Ich-reise-um-die-Welt-und-gebe-fast-nichts-aus Leuten gibt, möchte ich auch einmal etwas dazu sagen, auch wenn dies kaum jemand lesen wird.

Tja, lieber Peter Hansen, ich habe deinen Kommentar gelesen und er hat mich zum Nachdenken angeregt.

Ich habe ein Problem damit, dass inzwischen fast alle Menschen der sogenannten Ersten Welt, durch die Welt reisen und dies das Natürlichste und Beste überhaupt anpreisen. Das Ganze hat für mich etwas von Elendstourismus. Diesen können wir uns nur leisten, weil wir selbst extrem priviligiert sind und Geld haben. Gleichzeitig machen wir alle einen auf Hippie, der nicht viel Geld braucht und von der Gesellschaft unabhängig ist. […]

Nur wir haben die Macht, allein durch Geburt in der Lage zu sein, eine billige Krankenversicherung zu haben, einen universellen Pass und eine Art von Anerkennung in dieser Welt, die dazuführt dass wir überall gerne gesehen werden. Das Problem dabei ist, dass natürliche Gastfreundschaft im Ausland sehr viel größer geschrieben wird, diese jedoch auch gerne und gut von sogenannten Elendstouristen ausgenutzt wird. […]

Wie kann es sein, dass jemand der aus einem Land kommt, dessen mittleres Einkommensniveau das des Landes Somalia um ein tausendfaches übersteigt, per Anhalter fährt, sich zum Übernachten einladen lässt und die Gastfreundschaft von anderen Kulturen ausnutzt? Diese Menschen arbeiten hart und werden doch nie auch nur einen Bruchteil von dem haben, was unsere priviligierte westliche Wohlstandsgesellschaft als ganz normal ansieht.

[…] aber was ich mir wirklich wünsche wäre mehr Demut und mehr Bereitschaft der westlichen „Wertegemeinschaft“, die Ideale und Hilfsbereitschaft von weniger „verdorbenen“ Gesellschaften nicht auszunutzen. Wir haben so viel und viele andere Menschen soooo wenig. Überlegt euch doch einfach vorher, ordentliche Kohle in Deutschland zu machen (das kann man selbst ohne großen Abschluss) und diese Kohle dann ins Ausland zu den Menschen, die sie brauchen zu bringen, anstatt einen auf Pseudo-Ökotouristen zu machen, die nur abgreifen und sich noch selbst feiern, dass sie so etwas geschafft haben.

[…]

(Ich habe mir erlaubt, die für mich relevanten Ausschnitte zu kopieren und andere wegzulassen, ohne die Message des Kommentars zu verfälschen oder populistisch darzustellen. Darüber hinaus habe ich Fehler im Satzbau korrigiert, um die Lesbarkeit des Kommentars zu erleichtern.)

Spannend ist, dass Hans Peter den Film noch nicht einmal gesehen hat – aber das steht hier nicht zur Debatte. Ich habe ihn ja auch nicht gesehen :).
Wenn ihr den gesamten Kommentar lesen möchtet, findet ihr ihn hier.

Diesen Kommentar hat der gleiche Autor übrigens wenige Minuten später ebenfalls unter das Video gepostet und sich damit in meinen Augen endgültig disqualifiziert:

Und wenn ich seine North Face Jacke sehe könnt ich schon kotzen!

Nichtsdestotrotz geht mir dieses eine Wort nicht aus dem Kopf:

ELENDSTOURISMUS

Betreibe ich ebenfalls Elendstourismus, wenn ich mich empört darüber zeige, dass man versucht, mir einen Fingerhut voll Chai für 10 statt die üblichen 5 Ruppies zu verkaufen? Ist es arrogant von mir, dass ich die gleichen Preise zahlen möchte wie die Einheimischen? Wohlwissend, dass 10 Ruppies umgerechnet 13 Cent sind, wir hier also über 6,5 Cent diskutieren?

Ich finde, diese Frage lässt sich nicht ohne Weiteres pauschal beantworten. Würde jeder Tourist bereitwillig überall das Doppelte des normalen Preises zahlen, würden mit der Zeit vermutlich zwei Dinge passieren:

Erstens würden immer mehr Menschen ihre Arbeitsplätze außerhalb des „Tourismusgeschäfts“ verlassen, um in diesem das „große Geld“ zu machen.

Der Maisbauer, der sieht, dass sein Nachbar beim Teeverkauf das Doppelte des normalen Preises erzielt, würde in kürzester Zeit keinen Mais mehr anbauen, sondern ebenfalls Tee verkaufen. Aber wer baut dann den Mais an, welcher als wichtige Lebensgrundlage für Mensch und Tier dient?

Zweitens würde irgendwann auch der Tee für die lokale Bevölkerung statt 3 oder 5 Ruppies 10 Ruppies kosten und damit insbesondere für die Niedrigverdienener immer unerschwinglicher werden.

Denn genau das ist dem einstmals beschaulichen Fischerdörfchen Hikkaduwa auf Sri Lanka passiert. Knapp 90% der dortigen Bevölkerung leben inzwischen mehr schlecht als recht vom Tourismus, denn in der Nebensaison ist dort absolut tote Hose.
Des Weiteren können viele der Einheimischen sich die Preise für Lebensmittel, Speisen und Getränke direkt vor Ort nicht mehr leisten, da inzwischen alle den gleichen, hohen Touristenpreis zahlen müssen. Reich geworden ist dabei kaum keiner, außer vielleicht ein paar zwielichtige Dachorganisationen.

Es ist ein schwieriger Spagat: Wie viel mehr lasse ich als „helle-Hautfarbe-Gebühr“ durchgehen und wann ist es zu viel und schadet letztlich auch der eigenen Wirtschaft des Landes? Ich habe bereits und würde dies wieder tun sang- und klanglos 5 Ruppies für eine Tasse Tee bezahlt, wohlwissend, dass alle Einheimischen vor mir nur 3 Ruppies gezahlt haben. Das war für mich okay, nicht weil ich 3,5 Cent extra Gebühr eher verschmerzen kann als 6,5 Cent, sondern weil ein Preisaufschlag von 67% etwas anders ist als ein Aufschlag von 100%.

Ein ähnliches Problem ergibt sich beim Umgang mit Bettlern. Es gibt die einen, vor allem Ausländer, die sagen: „Die Bettler sind in ihrer Kaste gefangen und können keine richtige Arbeit annehmen.“ Dieser Aussage kann ich nur gegenüberstellen, was ich hier von indischen Geschäftsleuten gehört habe. Diese haben mir Folgendes berichtet:

„Diese Menschen haben gesunde Arme und Beine, wir haben ihnen eine Arbeit angeboten, aber sie wollen nicht arbeiten, sie betteln lieber, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“

Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht genau weiß, was ich davon halten soll. Wir als Team von TukTuk to go haben uns während unserer Reise für einen Mittelweg entschieden und geben den Menschen Essen und sauberes Trinkwasser aus Flaschen oder bieten ihnen an, sie für eine bestimmte Dienstleistung, wie etwa das Bewachen unser Fahrzeuge entsprechend zu vergüten.

Sind wir deswegen jetzt Elendstouristen? Weil wir keine, für hiesige Verhältnisse, völlig überteuerten Preise zahlen wollen und Bettler nicht dadurch in ihrem Betteln unterstützen, indem wir ihnen für deutsche Verhältnisse kleine, für hiesige Verhältnisse aber horrende Summen in den Rachen schmeißen, sondern sie stattdessen mit Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser versorgen oder sie fragen, ob sie bereit sind einen kleinen Auftrag auszuführen, den wir dann wiederum angemessen finanziell entlohnen?

Sind wir Elendstouristen, weil wir die Menschen, die uns hier als Gast aufnehmen, die dies tun, weil es ihnen eine Freude und ein Bedürfnis ist, nicht beleidigen, indem wir vehement darauf bestehen, sie finanziell zu entschädigen?
Wir versuchen immer zunächst einmal alle von uns erworbenen Produkte oder Dienstleistungen zu bezahlen. Wenn die Verkäufern im Kiosk aber auch nach dem dritten Mal darauf besteht, uns die typisch indischen Süßigkeiten als Aufmerksamkeit für unsere Reise kostenlos mit in unsere sowieso schon prall gefüllte Tüte zu stecken, dann nehmen wir dies gerne und dankend an und zeigen damit, dass wir ihre Wertschätzung annehmen und entsprechend honorieren.

Wenn wir zu Einheimischen nach Hause eingeladen werden, versuchen wir häufig, uns zu revanchieren, indem wir sie zum Abendessen einladen, ihre Produkte kaufen oder eben auch einfach ihre ehrliche und aufrichtige Gastfreundschaft annehmen. Wir versuchen dabei stets vorsichtig zu ergründen, wie es unserem jeweiligen Gastgeber geht und ob es angemessen ist, seine Einladung anzunehmen oder nicht.

Wir haben bereits darüber berichtet, dass ein Teeverkäufer in einem kleinen Laden am Indischen Ozean, fernab von allen ausgetretenen Touristenpfaden als Bezahlung für zwei Becher Tee und Kekse kein Geld haben wollte, sondern uns stattdessen darum gebeten hat, ein Foto von ihm und duden zu machen.

Wir hätten ihm liebend gern den Tee bezahlt und ein Foto mit ihm gemacht, einfach weil er uns so nett und freundlich behandelt hat und weil er nicht versucht hat, uns übers Ohr zu hauen. Dennoch wurde uns schnell klar, dass es eine Beleidigung für ihn gewesen wäre, hätten wir uns weiterhin geweigert, den Tee unbezahlt zu lassen.

Der Mann wollte dieses Foto nicht für sich, er besitzt kein Handy, keinen Computer, nichts dergleichen. Er wollte einfach nur auf unserem Fotos sein, gemeinsam mit duden. Wir haben ihm gerne diesen Wunsch erfüllt und uns obendrein noch seine Adresse geben lassen (abfotografiert von einem amtlichen Ausweisdokument), so dass wir das Foto entwickeln und ihm zuschicken lassen können. Damit zeigen wir ihm auf eine Art und Weise Respekt und Dankbarkeit, die mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist.
Ist das jetzt ausnutzen? Ist das respektlos?

Natürlich bewegt es uns zu sehen, wie die Menschen hier leben und arbeiten. Welche weiten Strecken sie zurücklegen müssen, um zur Schule oder zur Arbeit zu kommen, wie wenig materielle Güter sie im Vergleich zu uns haben. Aber sind sie deswegen elend und arm???
Ist es nicht viel mehr vermessen von uns zu behaupten, diese Menschen leben in Armut und Elend, nur weil sie nicht das neuste Smartphone haben oder neue Nike Air Turnschuhe?

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Sind diese Frauen unglücklich und fühlen sich elend, weil sie auf Steinen sitzend Tee an Touristen verkaufen?

Klar sehen viele der Häuser hier für uns ärmlich aus und wir können es uns kaum vorstellen, wie man behaglich und zufrieden mit 8 oder mehr Personen in einer 15 qm² Palmblatthütte leben kann, aber ist es nicht vermessen zu behaupten, diese Menschen würden in Elend leben? Beinhaltet das Wort Elend nicht immer auch die Unterstellung, dass es diesen Menschen an essentiellen überlebenswichtigen Gütern mangelt? Essen, Trinkwasser, Kleidung (dem Klima angemessen), einem Dach über dem Kopf, Familie, Freunde?

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Sind die Menschen zu bemitleiden, die in diesen Palmblatthäusern leben? Die zwar Strom, aber kein fließend Wasser haben und abends auf Holzfeuern kochen?
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Und was ist mit den Menschen, die in diesen Zelten leben? Elend? Können wir nur anhand ihrer Behausung und mit unseren Maßstäben ein Urteil darüber abgeben, ob ihre Lebensweise lebenswert ist oder nicht? Ob sie glücklich sind oder nicht? Ginge es ihnen besser, wenn wir uns von ihnen abwenden, keine Begegnung mit ihnen zulassen und dadurch den Vorwurf des „Elendstourismus“ vermeiden? Würde eine Nichbeachtung ihrer Gastfreundschaft unsererseits sie glücklicher machen oder wäre so eine Art des Handelns ehrenhafter als der respektvolle Umgang mit einer Einladung zum Tee?

Natürlich ist es für uns Europäer befremdlich, wenn wir bei einer reichen Familie eingeladen sind und sehen, dass diese sich mit 6 Familienmitgliedern ein 150 qm² Haus teilen, während die Angestellten draußen vor der Türe schlafen.
Dennoch sollten wir uns kein Urteil hierüber erlauben und die Situation der Angestellten nicht als Elend bezeichnen, bevor wir nicht die Möglichkeit erhalten haben, uns mit ihnen darüber zu unterhalten. Vielleicht ist der Hausangestellte froh mit seiner Position und findet es in keinster Weise befremdlich oder beschähmend, im Freien zu schlafen.

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Ist es eine elende Situation, dass der Mann, der hier arbeitet, gleichzeitig auch hier lebt? Und jede Nacht in einem völlig offenen Raum schläft, ohne Fensterscheiben, ohne Türen, ohne Privatsphäre?

Armut und auch Elend ist ein sehr subjektiver Begriff und sollte immer in Relation zu den Lebensbedingungen des jeweiligen Landes und vor allem auch den Lebenserhaltungskosten gesehen werden. Dennoch wäre ich mit folgender Aussage sofort einverstanden und würde diese auch für Indien umgehend als zutreffend bezeichnen:

„Die wohnortnahe medizinische und pflegerische Versorgung von kranken, alten und behinderten Menschen wird in den ländlich geprägten Regionen […] zunehmend schwieriger.“

Oops, bei dieser Aussage geht es ja gar nicht um sogenannte Elendsländer wie Indien oder Somalia, sondern dies ist eine Stellungsnahme der Caritas e.V zur medizinischen Versorgung ländlich geprägter Regionen in DEUTSCHLAND.

Ihr seht also, worauf ich hinaus möchte. Zumindest hoffe ich, mich verständlich gemacht zu haben.
Nur weil Menschen anders leben als wir, unter anderen Bedingungen, anderen kulturellen, religiösen und materiellen Gebräuchen, sind sie nicht automatisch elend und wir verbessern ihre Situation nicht automatisch dadurch, dass wir ihnen unüberlegt finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, zumal mit der Intension:

„Ach was sind schon 25 €? Das geb ich an einem Abend im Kino aus.“

Diese 25€ sind hier ein absolutes Vermögen und es verbessert die Situation von wirklich niemanden, wenn ich einmalig Dienstleistungen und Produkte mit völlig überzogenen ortsuntypischen Summen entlohnen und anschließend 14 Tage später wieder nach Hause fliege.

Die Frage ist ja auch immer, welche Wertigkeit ich einzelnen Dienstleistungen und Produkten beimesse, indem ich einfach überall wahllos völlig overcharged Preise akzeptiere.
Welche Achtung bringe ich der Arbeit eines Fischers entgegen, wenn ich ihm für ein einzelnes Foto von ihm beim Netzflicken so viel zahle, wie er sonst für einen ganzen Eimer frischen Fisch erhalten würde? Wobei die Summe für mich umgerechnet vielleicht noch nicht mal bei 3€ liegt.

Es ist und bleibt ein schwerer Spagat. Ich habe mir für mich persönlich als wichtigste Devise meiner Reisen vorgenommen, den Kulturen und Gebräuchen, denen ich begegne Respekt zu zollen und mich zunächst erst einmal auf sie einzulassen, um sie anschließend, nach einer äußerlichen und innerlichen Betrachtung verstehen und nachvollziehen zu können. Völlig wertfrei gelingt mir dies natürlich nicht, aber das Verständnis für andere Kulturen wird tiefer, wenn wir es wagen, die Dinge auch einmal aus einem anderem Blickwinkel zu betrachten.

Ich bin freundlich und respektvoll gegenüber jedem, dem ich auf meinen Reisen begegne, zumindest versuche ich dies. Merke ich aber, dass mein Gegenüber mir keinen Respekt zollt, mich als Melkkuh missbrauchen möchte, um sich persönlich zu bereichern, dann kann auch ich fuchsteufelswild werden und bis aufs Blut über 10 Ruppies für eine Tasse Chai diskutieren.
Erfreulicherweise haben wir bisher überwiegend positive Erfahrungen gemacht und immer dort, wo wir es angemessen und richtig fanden auch nicht mit Trinkgeldern gespart (natürlich ohne unangemessen hohe Summe zu verteilen).

Mir hat man noch nie vorgeworfen, ein „Elendstourist“ zu sein und ich habe auch keine Sorge Gefahr zu laufen, einer zu werden, aber mich hat dieser Kommentar dennoch wütend gemacht. Wütend deshalb, weil er Menschen verurteilt, die auf Reisen gehen, in Kultur eintauchen, sich den Gegebenheiten anpassen und somit ihren Anteil dazu beitragen, dass Menschen aus anderen Ländern und Völkern einander besser verstehen.

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen, dass ich hoffe, dass niemand kotzen muss, weil ich eine BENCH Fleecejacke mit auf diese Reise genommen habe. Ach nee, warte: Die ist ja schon knapp 15 Jahre alt, die habe ich mir damals von meinem Taschengeld gekauft, als BENCH teuer und in war. Komisch, dass ich diese teure Marken-Fleecejacke auch nach 15 Jahren noch tragen kann. Man könnte fast meinen, der Kauf von qualitativ hochwertigen Kleidungsstücken sei eine gute Investition. Blöd nur, dass gute Kleidung manchmal mit einem Labelnamen verknüpft ist und man diesen oft mit einer 20 -30 % höheren Produktgebühr (Einkaufswert) bezahlen muss.
Dumm gelaufen!!!!

Was machen unsere Projektziele?

Wir erhalten Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit vor allem durch und wegen unserer Fahrzeuge. Aufmerksamkeit durch die Art und Weise, wie wir reisen und durch die Ziele unseres Projekts – unsere Mission: Vorurteile abzubauen und das kulturelle Verständnis der Menschen unterschiedlicher Nationen untereinander zu fördern.

Wir wünschen uns mehr Frieden und Harmonie im Zusammenleben der Menschen auf unserem Planeten. Eine wichtige Voraussetzung für ein friedliches Miteinander ist Freundschaft. Freundschaftliche Bande können aber nur dann entstehen, wenn man sein Gegenüber kennt und versteht.
Angst und Vorurteile entstehen immer dort, wo auch Unwissenheit und Fremdheit besteht.
Wir möchten mit unserer Reise und unserer Berichterstattung Licht ins Dunkel bringen.

Wir möchten euch Kulturen, Religionen, Länder und Menschen näher bringen und unsere Erfahrungen mit euch teilen.

Mehr positive Nachrichten – weniger einseitige Berichterstattung

Gestern hat duden wie zufällig den Suchbegriff Indien bei Google eingegeben und die allererste Meldung, die kam, war folgende:

„21 Millionen ungewollte Mädchen“

Ja, es gibt diese Problematik in Indien, aber warum berichtet niemand über die Ursprünge dieser Problematik? Darüber, dass es sich viele Familien nicht leisten können mehr als eine Tochte zu verheiraten, weil die Mitgiftzahlungen so hoch sind. Aber noch viel wichtiger: Warum berichtet niemand im gleichen Atemzug, denn positive und negative Schlagzeilen sollten gleichwertig behandelt werden, davon, dass es Familien gibt, die stolz darauf sind, Töchter zu haben? Die ihren Töchtern die Ausbildung an einer privaten Schule ermöglichen, da die staatlichen Schulen in Indien vielfach einen schlechten Ruf haben.

Norrul beispielsweise ist Manager eines Vodaphoneshops und muslimischen Glaubens, er gehört einer gehoben Kaste an. Sai ist Rikshaw-Fahrer aus einem kleinen Dorf und seine Frau betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft, sie sind beide hinduistischen Glaubens und gehören einer niedrigeren Kaste als Norrul an.
Auf den ersten Blick haben diese beiden Männer, Sai und Norrul, nicht viel gemeinsam. Schaut man jedoch genauer hin, findet man in beiden indische Väter, die stolz darauf sind Töchter, zu haben und dies auch offen bekunden und zeigen. Beide setzen sich für eine gute Ausbildung ihrer Töchter ein und wünschen ihnen nur das Beste.

„21 Millionen ungewollte Mädchen“ – das ist eine traurige Zahl. Aber woher kommt diese Zahl? Und warum spricht niemand davon, dass in Indien 655 Millionen Frauen leben, von denen „nur“ 21 Millionen anscheinend ungewollt sind? Ich möchte diese Zahl ebenso wenig wie die damit verbundene Problematik herunterspielen. Ich frage mich nur, warum so häufig einseitig und vor allem negativ berichtet wird.

Googelt ihr heute den Begriff Indien, wird es noch schlimmer: Dann taucht zuerst folgende Schlagzeile auf:

„Wieder Horrorfall in Indien – Acht Monate altes Baby vergewaltigt“

Vor allem das WIEDER stößt mir hierbei sauer auf.

Neben einem verstärkten Fokus auf die kulturelle Vielfältigkeit der Länder, durch die wir reisen und einer Dokumentation dessen, was uns begegnet (Gutes wie Schlechtes), wollen wir euch von sozialen Projekte erzählen.

Wie bereits zu Beginn dieses Beitrags angemerkt, sorgen wir mit unseren Fahrzeugen und unserer Art zu Reisen für Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit hat uns bereits vielerorts Einblicke in karikative Projekte beschert, von denen wir euch in Kürze ausführlich berichten möchten.
Wir haben eine Schule besucht, die, wenn auch unter christlicher Trägerschaft, Mädchen und Jungen jedweder religiösen Konfession aufnimmt und insbesondere für Kinder aus zerrüttenen Familien ein neues Zuhause darstellt – Grace School.

Wir haben die Möglichkeit erhalten, ein Krankenhaus in Raipur zu besichtigen, das herzkranke Kinder aus der ganzen Welt kostenlos behandelt, operiert und ihren Familien während des Zeitraums der Behandlung Kost und Logis zur Verfügung stellt.

Wir wurden zu der Gründungsveranstaltung des Queensclub der Rotarier in Bilaspur eingeladen und haben uns mit sehr engagierten und aufstrebenden jungen Frauen unterhalten, die ihre gesellschaftliche Stellung dafür nutzen möchten, Gutes zu tun.

Im Zuge dessen haben wir zudem die Möglichkeit erhalten, eine Förderschule zu besuchen, die allein durch private Mittel finanziert ist und Kindern mit Beeinträchtigung zu einer schulischen Bildung und Betreuung verhilft.
Besonders spannend war bei diesem Besuch das Gespräch mit der Direktorin, bei dem es unter anderem um Förderschulen und Inklusion in Deutschland ging (ein berufliches Themenfeld, in dem Froilein Lumi sich bewegt).

Ob wir unserem Ziel der kulturellen Verständigung bereits näher gekommen sind, können wir nicht sagen. Wir sehen jedoch, dass täglich mehr Menschen unserem Blog folgen, nicht nur aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, sondern auch aus Asien und Südamerika. Wir werden unseren Blog daher so bald wie möglich bilingual ausbauen, um unser Ziel der kulturellen Verständigung und des Abbaus von Vorurteilen noch weiter streuen zu können.

Also freut euch mit uns auf mehr positive Nachrichten, mehr Geschichten, mehr Videos und mehr Infos rund um die Länder, durch die wir reisen und über die Menschen, die wir treffen.

 

Dust in the mouth – die wohl staubigste Etappe unserer Reise

Wir haben es geschafft. Irgendwie, denn ehrlich gesagt habe ich zwischendurch nicht mehr viel von der Straße, geschweige denn dem Gegenverkehr oder duden (der vor mir fuhr) gesehen.

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Noch ist die Sicht weitestgehend gut

Wir wurden bereits in Raipur vorgewarnt und haben sowohl uns als auch unsere Fahrzeuge entsprechend der Strecke vorbereitet. Soll heißen wir haben uns verbarrikadiert und maskiert:

Landschaftlich war unsere Strecke eher öde. Die meiste Zeit ging es schnurgeradeaus Richtung Norden. Dafür war die Tierwelt entlang unserer heutigen Tagesroute um so interessanter.
Kühe, Esel, Ziegen, Schafe, Hunde und vereinzelt auch mal eine Katze, das sind wir gewöhnt. Hinzu kommen noch die kleinen süßen Äffchen, die uns in wäldlicheren Regionen hin und wieder vom Straßenrand aus nachschauen (wir sind natürlich nicht so verrückt für ein „Niedliches Äffchen“-Foto anzuhalten). So blöd bin noch nicht mal ich bei meiner übermäßigen Tierbegeisterung. Am Ende habe ich noch einen randalierenden Affen im TukTuk sitzen und von süß oder niedlich spricht spätestens dann niemand mehr.

Nun aber zurück zum heutigen Tag, da gab es etwas wirklich Außergewöhnliches zu sehen. Vielleicht lag es an der Hitze und dem Staub, vielleicht fühlen sich die großen Paarhufer bei den hiesigen Klimabedingungen zwischen Raipur und Bilaspur an ihre Heimat erinnert, vielleicht hatte ich auch einfach nur einen Sonnenstich oder bin einer Fata Morgana zum Opfer gefallen, aber vielleicht auch nicht und es war wirklich eine Kamel-Karawane, die da friedlich am Highway entlang getrottet ist und sich in keinster Weise vom Staub in der Luft hat stören lassen.

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Die Kamele waren allerdings nicht die einzige tierische Besonderheit auf unserer Route.

Diese Affenart haben wir bisher noch nie gesehen. Sie sind wesentlich größer als ihre Artgenossen aus den Wäldern. Habt ihr eine Ahnung, um welche Affen es sich handeln könnte?

Aufgrund der Straßenverhältnisse und des stetigen Verkehrs war es leider nicht möglich, während der Fahrt anzuhalten, um Fotos machen zu können. Ich habe dennoch mein Bestes gegeben und während der Fahrt mit der rechten Hand, die eigentlich konstant am Gas bleiben muss, Fotos gemacht, ohne mein TukTuk abzuwürgen oder von einem der von hinten herannahenden Autos platt gefahren zu werden.
Die Ergebnisse seht ihr hier – es war nicht ganz einfach. Und wenn ihr euch jetzt fragt, warum ich nicht mit der linken Hand Fotos gemacht habe, dann möchte ich dazu nur so viel sagen: versucht mal, mit der linken Hand (einhändig) aus dem rechten Fenster heraus ein Foto zu schießen, zumal dann, wenn der Auslöseknopf sich in der rechten oberen Ecke des Gehäuses befindet – UNMÖGLICH!!!! Wer’s nicht glaubt, darf gern nach Indien kommen, mein TukTuk fahren und es selbst ausprobieren. 😉

Eine Verschnaufpause mit Tee haben wir uns trotzdem irgendwann gegönnt, auch wenn dies bedeutet hat, das all die langsamen LKWs, die wir mühsam überholt hatten, anschließend wieder vor uns waren. Egal, Pause muss sein und an den pappsüßen Chai haben wir uns inzwischen auch gewöhnt.

Frauenpower in der BAJA Werkstatt

Die ersten 1300 Kilometer liegen hinter uns und gefühlt die Hälfte davon war mehr Schotterpiste als Straße. Das hat unsere Fahrzeuge ordentlich mitgenommen und wir mussten gestern erneut in eine Werkstatt.
Diesmal in eine BAJA Werkstatt, da wir gehofft haben, hier kompetente Hilfe und die dringend benötigten Ersatzteile zu bekommen.
Kompetente Hilfe haben wir erhalten und das von ganz ungeahnter Seite. Preeti Singhal Mundhra ist die Managerin des hiesigen BAJAJ Sparepart- und Werkstattstores und hat unsere Fahrzeuge auf Vordermann gebracht.
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Einige Dinge konnte sie leider nicht austauschen, da die benötigten Ersatzteile nicht vorrätig waren.
Aber auch das war kein Problem für sie. Preeti hat einfach die zuständige Werkstatt in Bilaspur (unserem nächsten Tagesziel) informiert, uns die Adresse in die Hand gedrückt und uns mit den von ihr soweit wie möglich reparierten Fahrzeugen auf die Reise geschickt.
Wir sind unglaublich dankbar, in Preeti eine so hilfsbereite, kompetente und ehrliche Werkstattmanagerin gefunden zu haben (aus Chennai sind wir da ja leider anderes gewöhnt).
Die Tatsache, dass eine Frau, noch dazu in Indien, in diesem typischerweise von Männern dominierten Arbeitsfeld eine leitende Position inne hat, war für uns zusätzlich spannend zu sehen.

„We drive on what is left of the street…“

Einigkeit in Vielfalt

Ich möchte diesen Beitrag gern mit einem Zitat von Rajesh Golani beginnen, der den indischen Straßenverkehr wie folgt beschrieben hat:

„The indian traffic shows unity in diversity“

Was er damit meinte wird bereits nach wenigen Minuten der aktiven Verkehrsteilnahme klar. Einigikeit in Vielfältigkeit trifft es wirklich gut. Hier in Indien darf jeder am Straßenverkehr teilnehmen und wird mehr oder weniger gleich behandelt. Jedes Leben ist wertvoll und egal wie rasant und/oder chaotisch gefahren wird, auf den Straßenhund wird genauso Rücksicht genommen wie auf den Rikshawfahrer mit Handkurbel oder der Dame im SUV. Das Bild der Verkehrsteilnehmer hier ist sehr bunt. Selbst auf dem Highway sieht man Fußgänger, Fahrradfahrer, Ochsenkarren, Hunde, Kühe, Ziegen, Busse, Autos, TukTuks, Lkws und Falschfahrer (jede Menge) = diversity in unity.

(Leider habe ich kein Foto auf dem die gesamte Vielfalt vereint ist, aber ehrlich Leute bei dem Verkehr auch noch fotografieren, während man am Steuer sitzt geht echt nicht)

Regeln? Hahaha

Wer 4 Tage in Indien Auto fährt lernt Ruhe zu bewahren und rücksichtslos zu fahren. Der indische Straßenverkehr macht uns alle zu Gesetzlosen, anfangs erschreckend, macht es nach einer Weile richtig Spaß. Denn ähnlich wie in Süditalien gilt auch hier Devise: Wenn du dich anpasst, passiert dir am wenigstens.

Es ist laut, chaotisch und bunt auf den Straßen, wobei laut definitiv überwiegt – wobei die Laster auch sehr kunstvoll bemalt sind. Also stellen wir mal bunt&laut auf eine Stufe.

Also wie gesagt, sobald man sich den lokalen Gegebenheiten und nicht mehr der Straßenverkehrsordnung anpasst (die Briten haben sowas ja mal eingeführt) macht es richtig Freude.

„Indians do not drive left of the street, but on what is left of the street“

Im indischen Straßenverkehr ist allem Anschein nach alles erlaubt:

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Nicht nur junge Leute reisen so, häufig sieht man ganze Familien auf einem Roller oder Motorrad
  1. Beim Fahren telefonieren = kein Problem
  2. Lässig neben einem anderen Fahrzeug herfahren und sich durchs offene Fenster hindurch unterhalten = kein Problem
  3. 10 Personen (1 Fahrer + 9 Passagiere – hier wäre in Deutschland zumindest mal ein Personenbeförderungsschein fällig) in einem für 4 Personen (1 Fahrer + 3 Passagiere) ausgelegten TukTuk = kein Problem
  4. 4 Personen auf einem Roller/Motorrad = kein Problem
  5. Gegen die Verkehrsrichtung fahren aka Geisterfahrer = kein Problem (auch auf dem Highway nicht)
  6. Links, Rechts oder in der Mitte überholen = kein Problem – man fährt halt da wo Platz ist
  7. Mit offener bzw. nicht vorhandener Motorabdeckung fahren = kein Problem
  8. Ohne Fahrerkabine fahren = kein Problem
  9. Die Ladung links, rechts und gegebenenfalls auch hinten 2m überstehen lassen = kein Problem

Einzig die Frage, ob man nackt fahren darf steht für mich derzeit noch im Raum. In Deutschland ist das ja prinzipiell erlaubt. Da der Innenraum des eigenen Fahrzeugs rein rechtlich unter den Schutz der Privatsphäre fällt. Zu der Erregung öffentlichen Ärgernisses käme es erst dann, wenn man sein Auto auch nackt verlässt.

Nichtsdestotrotz werde ich das hier in Indien wohl nicht ausprobieren, denn je weiter wir in den Norden kommen desto kälter wird es hier.

„Ich bin ruhig! Ich muss mich nicht beruhigen!!!“ – Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung

Wirklich fies sind übrigens die Speedbumbs /Beschleunigungshubbel, die werden nämlich im sonst so buntem Indien weder durch farbige Markierungen am Boden noch durch Schilder angezeigt. Das lässt in vielen Fällen nur zwei Handlungsalternativen zu: Vollbremsung oder mit voller Geschwindigkeit drüber fliegen. Ersteres ist schlecht für die Bremsen und letzteres schlecht fürs Fahrgestell. Fahrer, Beifahrer und Gepäck werden in jedem Fall ordentlich geschüttelt.

Eine weitere Besonderheit auf den hiesigen Straßen zeigt sich in einer gewissen Affinität der Inder zum Slalom. In jeder Stadt und jedem größerem Dorf gibt es mindestens eine Straßenverengung. Hierbei werden etwa 2,50 m lange Warnbarken leicht versetzt links und rechts auf der Straße postiert und sorgen dafür das eine sonst theoretisch zweispurige Straße, auf der die Autos aber tatsächlich drei- oder vierspurig fahren, plötzlich nur noch einspurig zu befahren ist.

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…war ja klar das ich dann ein Foto mache wenn nix auf der Straße los ist =)

 

Ich muss allerdings zugeben, dass die Verengungen ihren Zweck erfüllen und aktiv zu einer Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit führen, wobei ich nicht genau sagen kann, ob die Nebeneffekte (lautes Gehuppe und punktuell erhöhte Schadstoffbelastung durch Stagnieren des Verkehrs) ebenso gewollt sind.

Frauen am Steuer

Weibliche Verkehrsteilnehmer, die etwas anderes als einen Roller fahren sind in Indien eine echte Seltenheit, zumindest habe ich noch nicht viele Gefährtinnen im Straßenverkehr getroffen. Umso mehr falle ich selbst natürlich als Frau am Steuer auf.

Als Beifahrer sieht man natürlich zahlreiche Frauen auf den Straßen, besonders schön finde ich die Variante im Damensitz auf dem Motorrad/Roller sitzend. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat ist es überraschend bequem.

Roller im Damensitz

Viele Menschen, viele Fahrzeuge viele Unfälle?

Unfälle sieht man spannenderweise kaum. Zwar verkeilen sich öfter mal Autos oder Busse ineinander, aber dann wird meistens langsam weitere gefahren und die ein oder andere Schramme in Kauf genommen.

Meinen ersten Beinahe-Unfall hatte ich ausgerechnet mit der Polizei. Bereits kurz nachdem wir in Chennai auf den Highway gefahren sind, wurden wir rechts von einer Polizeistreife überholt. Im Linksverkehr absolut legitim, wobei hier in Indien sowie so jeder da überholt wo Platz ist.
Aber egal. Wir wurden also von der Polizei überholt. Mitten im Überholmanöver haben die beiden Beamten wohl realisiert das sie da gerade eine Frau im TukTuk überholen und waren davon so erstaunt, verwirrt, überwältig, geflasht oder auch schockiert, dass sie vor lauter zu mir rüber Starren, das Lenken vergessen haben und auf den Mittelstreifen abgedriftet sind. Blöd nur das der Mittelstreifen auf dem Highway ein etwa 20 cm hoher und 1,50 m breiter Bordstein ist. Die Geräusche des auf dem Bordstein entlang schrappenden Fahrgestells waren echt fies. Immerhin gab es an dieser Stelle keine Mittelleitplanke, die sind nämlich in der Regel aus massivem Beton. Ich konnte mir bei der ganzen Aktion nur schwer das Lachen verkneifen und auch die Polizisten nahmen die Sache mit Humor, denn als sie kurz darauf erneut an mir vorbeifuhren gab es thumps up und begeisterte Zurufe.

Spezielle Hupen für spezielle Fahrzeugklassen?

Wie ich bereits sagte ich der indische Straßenverkehr sehr laut, fast schon ohrenbetäubend. Das liegt zu einem daran, dass man zum Beispiel jedes Mal hupen soll, wenn man einen LKW überholt. Die meisten der riesigen Laster haben dies sogar ausdrücklich auf ihre Heckklappe geschrieben.

„Please sound HORN Please“

Also wird eifrig gehuppt. Besonders hohe Dezibelzahlen erreichen die Hupen und Hörner der Lastkraftwagen selbst, dicht gefolgt von Bussen. Glückerlicherweise gibt es für diese Klasse von Fahrzeugen extra Hupen mit einer unverwechselbaren Lautabfolge. Wenn diese ertönen empfiehlt es sich am besten sofort die Straße freizumachen. Lastwagen und Busse sind die uneingeschränkten Herrscher auf den indischen Straßen und machen selbst im Gegenverkehr und bei ihrerseits gewagten Überholmanöver keinen Milimenter mehr Platz als erforderlich. Wenn man nicht bereits nach dem Bruchteil einer Sekunde für Platz auf der eigenen Spur sorgt, wird es richtig laut. Dann folgt ein wahres Konzert von wutgepeitschtem Gehuppe und selbst Ohropax helfen da nicht mehr.

Einige Motorradfahrer haben sich die Überlegenheit dieser Platzhirsche zu nutze gemacht und sich selbst eine entsprechende Hupe einbauen lassen. Sehr clever wie ich sagen muss, da ich bereits selbst zweimal darauf reingefallen bin und bereitwilligen einem Motorroller Platz gemacht habe.

Tiere im Straßenvehrkehr – eine ganz eigene Art der Verkehrsregulierung

Wirklich Achtung haben Busse und Co. nur vor einem einzigen anderen Verkehrsteilnehmer. Dieser legt auch in der Rushhour problemlos das gesamte Geschehen lahm. Wer sich jetzt fragt welches andere Fahrzeug eine solche Macht ausstrahlt und eventuell an Regierungskennzeichen oder ähnliches denkt ist schief gewickelt. Es handelt sich natürlich um das heiligste aller Tiere – die Kuh. Kühe gehören in Indien auch in Millionenstädten wie Chennai oder Raipur zum ganz normalen Verkehrsaufkommen dazu. Gerne liegen sie am Straßenrand im Schatten oder kreuzen belebte Straße. Besonders interessant wird es, wenn sie mitten in der Rushhour beschließen sich and die Mittelleitplanke zu kuscheln und ein Nickerchen auf dem heißem Beton zu machen. Eine Kuh darf im Straßenverkehr so gut wie alle, zumindest darf sie laufen, stehen oder liegen wo sie will und wird höchstens durch ein kurzes zärtliches Hupen gebeten doch zur Seite zu weichen.

Manchmal läuft es jedoch auch für die Kühe doof. Wie gesagt sie liegen mit einer gewissen Vorliebe an die Betonpfeiler der Mittelleitplanke gelehnt, blöd nur wenn die Betonpfeiler gerade mal wieder frisch nachgestrichen wurden, dann gibt´s Zebrakühe – aber wie heißt es so schön: „Ein Heiligtum ist durch nichts zu entstellen“ und die Kühe tragen ihren neuen Look mit Fassung.

Blinker – Ja -Nein -Vielleicht ???

Oh eine Sache noch, besonders spannend finde ich das viele der Bus und LKW-Fahrer beim Abbiegen Handzeichen geben. Im Fall der Busse lehnt bei einem Spurwechsel nach Links meist ein halber Mensch aus der geöffneten Tür und gibt auf fast schon frenetische Art und Weise Handzeichen, dabei macht den Bussen hier sowieso jeder Platz (Kühe einmal ausgenommen). Auf Lichtzeichen (Blinker) wird hier nicht allzu viel Wert gelegt, es sei denn man hat einen hübschen Aufkleber auf dem Heck kleben auf dem steht. AC/no Handsignal.

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Spätestens seit es Klimaanlagen gibt und sich ein Wissen um die Problematik der Luftverschmutzung in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat, werden Fenster und Türen beim Fahren überwiegend geschlossen gehalten und Handzeichen somit unmöglich gemacht.

Ich versuche meistens meinen Blinker zu benutzen, muss aber zugeben, dass ich auch schon des öfteren vergessen habe ihn wieder auszuschalten und den ein oder anderen Kilometer mit nach links/rechts gesetztem Blinker gefahren bin. Von daher habe ich bereits überlegt, ob es nicht Sinn machen könnte einen Aufkleber speziell für mein TukTuk zu entwerfen:

No AC/ No Handsignal – sometimes Turn Signal

Ich selbst errege natürlich auch viel Aufmerksamkeit im indischen Straßenverkehr, bisher aber tatsächlich ausschließlich auf positive Weise. Mal schauen wie es weiter geht! Ansonstens fühle ich mich schon recht indisch, seit ich ganz bewusst die ersten Meter als Falschfahrerin unterwegs war und meine Hupe im Stadtverkehr im Dauereinsatz habe.